10.1 Wahrnehmung

Die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der individuellen Existenz bedeutet eine Auflösung des unmittelbaren Zusammenhangs von kollektiver Produktion und individueller Nutzung von Lebensbedingungen. Diese so genannte Unmittelbarkeitsdurchbrechung (vgl. Kap. 8.2 [1]) betrifft in einem erweiterten Sinne auch den Zusammenhang von Handlungen und Operationen. Vom Handlungsziel her gesehen sind die ausgeführten Operationen nurmehr  »verschwindendes Moment« (311) und u.U. sogar austauschbar in dem Maße wie die gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Erreichung des Handlungsziels wachsen. Das Auseinandertreten von Handlungen und Operationen veranschaulicht Holzkamp am Beispiel des Verfassens eines Gedichtes:

»In den gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhängen des Gedichts ist die stofflich-sinnliche Operation des Schreibens als sekundär-automatisiertes Hinterlassen von Schriftspuren mittels Bleistift oder Schreibmaschine auf Papier als besondere Bestimmung nicht enthalten, da man mit der gleichen Operation ja auch Küchenzettel anfertigen oder den Stromverbrauch notieren kann. Umgekehrt erfährt man aus der Analyse der Schreiboperation schlechterdings nichts über auf diese Weise entstandene ›Gedichte‹ im allgemeinen oder ein gerade vorliegendes Gedicht im besonderen. Demgemäß ist die Schreiboperation hier im Handlungszusammenhang ersetzbar: Man muss das Gedicht ja nicht ›aufschreiben‹, man kann es auch mündlich weitergeben, auf Tonband sprechen, oder einfach für sich behalten.« (311)

Damit verändert sich auch die Wahrnehmung. Analog zum Herabsinken der Operationen zum verschwindenden Moment der Handlungen, »wird auch die perzeptive‹ Seite der Perzeptions-Operations-Koordination … gegenüber der symbolischen Bedeutungserfassung … ›zum verschwindenden Moment‹«. Das dafür verwendete Beispiel ist das Lesen:

»So erfasse ich … beim Lesen eines Buches den darin symbolisch vermittelten Bedeutungsgehalt ›direkt‹, ohne bewußte ›Wahrnehmung‹ der stofflichen, figural-qualitativen Eigenart der Buchstaben (…) Die perzeptiv-operative Ebene des Erkenntnisvorgangs wird mir nur dann als solche bewußt, wenn dadurch die symbolische Bedeutungserfassung gestört ist, etwa wenn ich die falsche Brille aufhabe…: erst jetzt merke ich, dass da auf der Buchseite ›lauter kleine schwarze Dingen sind, und ›verhalte‹ mich nun zur ›Schrift‹ … wie zu einem nichtsymbolischen gegenständlichen Bedeutungsträger« (313)

Holzkamp macht nun darauf aufmerksam, dass Symbole diskursiver und bildlich-ikonischer Art sein können. Diskursive Symbole sind sprachliche Symbolbedeutungen, deren sinnliche Hülle unspezifisch, austauschbar und somit verschwindendes Moment ist — wie oben am Beispiel dargestellt (vgl. dazu auch Kap. 9.1 [2]). Bildlich-ikonische Symbole sind Kunstwerke, bei denen die sinnliche Hülle den Bedeutungen nicht äußerlich ist, sondern die Bedeutungen sind. Kunstwerke würden »sinnlich-emotionale Erfahrungen der gesellschaftlichen Menschheit … unmittelbar« (ebd.) ausdrücken. Selbstkritisch merkt Holzkamp an:

»›Wahrnehmung‹ kann offenbar ›sinnliche Erkenntnis‹ in einer Bedeutung des Wortes sein, die in meinem gleichnamigen Buch total herausgefallen ist.« (314)

Insgesamt wird die angerissene Diskussion über die Bedeutungs- und Wahrnehmungsqualitäten von Kunst als offene Forschungsfrage angesehen.


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[2] Kap. 9.1: http://grundlegung.de/artikel/9-1-schriftsprache/