10.4 Kooperation und Interaktion

Mit der Dominanz der gesellschaftlich-historischen Entwicklung ist auch der interpersonale Aspekt der Handlungsfähigkeit genauer zu fassen. In der noch überschaubaren Sozialkooperation vor dem Dominanzwechsel war die direkte Kooperation zwischen den Individuen die bestimmende Beziehungsform. Das ändert sich mit dem Dominanzwechsel, da nun die Gesellschaft ein in sich erhaltungsfähiges Kooperationssystem ist. Damit müssen wir nun

»unterscheiden zwischen gesamtgesellschaftlicher Kooperation als Wesensbestimmung der menschlichen Lebensgewinnungsform überhaupt und Kooperation auf Handlungsebene als interpersonalem Prozeß zwischen Individuen.« (325)

[1]

Abb. 26: Kooperation und Interaktion auf Handlungs- und Operationsebene.

Gesamtgesellschaftliche Kooperation ist eine gesellschaftstheoretische und interpersonale Kooperation eine individualtheoretische Kategorie (vgl. im folgenden Abb. 26). Die interpersonale Kooperation ist dabei »keineswegs notwendig von wechselseitiger räumlich-sinnlicher Anwesenheit füreinander abhängig« (327), sondern auch die

»interpersonale Form der Kooperation steht … in gesellschaftlichen Handlungszusammenhängen und ist durch die Beziehung der Individuen über die Realisierung gemeinsamer gesellschaftlicher Ziele charakterisiert, nicht durch das unmittelbare Zusammenwirken.« (326f)

Von »mannigfach symbolisch vermittelte(n) Formen der Kooperation« (327) werden nun noch einmal die Formen des direkten kooperativen Zusammenwirkens abgehoben und als unmittelbare Kooperation bezeichnet (360f). Die unmittelbare Kooperation in räumlich-sinnlicher Präsenz ist mithin die interpersonale Kooperation in je meiner Lebenslage (vgl. Kap. 8.3 [2]), wie sie mir als Ausschnitt des gesamtgesellschaftlichen Kooperationszusammenhangs unmittelbar gegeben ist.

Auf der Handlungsebene sind jedoch nicht alles Kooperationsbeziehungen, da die Individuen aufgrund der Möglichkeitsbeziehung zur Realität nicht notwendigerweise kooperieren müssen. Nicht-kooperative Beziehungen auf der Handlungsebene werden interaktive Beziehungen genannt. Dabei werden primär-interaktive (sexuelle, familiale etc.) von sekundär-interaktiven (bekanntschaftlichen etc.) Beziehungen unterschieden (360).

Die früher eingeführte Unterscheidung von Handlungen und Operationen (vgl. Kap. 7.4 [3]) ist nun in diesem Kontext auszuweiten. Sowohl kooperative wie interaktive Beziehungen besitzen eine Unterebene der »interindividuellen Regulationssteuerung von Operationen« (327). Auch in interaktiven Beziehungen spielt also die (inter-)indivduell-antizipatorische Koordination von Aktivitäten eine Rolle.

Holzkamp weist an dieser Stelle darauf hin, dass die kategorialen Differenzierungen analytische Mittel sind, um Situationen zu untersuchen, in denen die Beziehungsformen tatsächlich nicht getrennt vorliegen. Die Trennung ist also ein analytischer Akt zum Zweck der Gewinnung größerer Klarheit und nicht Fassung getrennt vorliegender Sachverhalte.

Auch bei interpersonaler Vereinzelung — relativ zur interpersonalen Kooperation wie auch zu interaktiven Beziehungen — ist damit »keineswegs eine gesellschaftliche Vereinzelung verbunden« (328), da die individuelle Existenz im gesellschaftlichen Gesamt prinzipiell mitgesichert ist und somit zu anderen Menschen — wie vermittelt auch immer — in Beziehung steht. Die relative Vereinzelung ist also eine Handlungsmöglichkeit auf der Ebene der Beziehungen. Aufgrund der reziprok-reflexiven Perspektivenverschränkung (vgl. Kap. 9.3 [4]) ergibt sich die besondere Problematik interpersonaler Beziehungen:

»Indem ich in reflexiver ›Sozialintentionalität‹ den anderen als ›Subjekt‹ gleich mir erfahre, kann mir mithin in meiner Beziehung zu ihm gleichzeitig auch dessen Beziehung zu mir, genauer: das Verhältnis der direkten und der reflexiv erfaßten ›Perspektive‹ der Beziehung problematisch werden: Wie ›verhält‹ sich die Bedeutung, die der andere für mich hat, zu der Bedeutung, die ich für ihn habe? Wie ›verhalten‹ sich die Gründe, die ich dafür habe, die Beziehung einzugehen oder aufrechtzuerhalten, zu den respektiven Gründen des anderen?« (329)

Die Illustation der Probleme ließe sich fortsetzen. Aufgabe der Subjektwissenschaft ist es, die Problematiken samt ihrer Widersprüche, Beschränkungen, Zwängen und Möglichkeiten durchdringbar zu machen, also »die objektiven Bedingungen offenzulegen, die zur Veränderung der interpersonalen Beziehungen im Interesse der Betroffenen geändert werden müssen« (330).

Geht es darum, den gesellschaftlichen Kooperationszusammenhang insgesamt zu ändern, so vertritt Holzkamp die These, dass dies nur möglich ist, wenn »die Macht der Individuen auch selbst eine gesellschaftlich-historische Größenordnung« (331) erreicht. Da dies nicht durch Teilhabe an den bestehenden Kooperationsstrukturen zu erreichen sei, bliebe nur »der kooperative Zusammenschluss der Individuen auf interpersonaler Ebene, also quasi die Aktualisierung gesellschaftlicher Integration zu kooperativer Integration« (ebd.). Die These wird später noch einmal aufgegriffen und ausgebaut.

nur der kooperative Zusammenschluss der Individuen auf interpersonaler Ebene, also quasi die Aktualisierung gesellschaftlicher Integration zu kooperativer Integration

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[2] Kap. 8.3: http://grundlegung.de/artikel/8-3-position-und-lebenslage/

[3] Kap. 7.4: http://grundlegung.de/artikel/7-4-operationen-handlungen-und-kooperation/

[4] Kap. 9.3: http://grundlegung.de/artikel/9-3-bewusstsein-und-subjektivitaet/