10.5 Individuelle Geschichte und Lebensperspektive

Die Möglichkeitsbeziehung und das bewusste Verhalten zu den Verhältnissen betrifft nicht nur alle Bedingungen außerhalb des Individuums, sondern auch das Individuum selbst. Es kann sich sowohl zu den äußeren Bedingungen wie auch zu sich selbst, der eigenen Gewordenheit und den eigenen Fähigkeiten bewusst ins Verhältnis setzen. Die Handlungsmöglichkeiten sind dabei durch das Spannungsfeld von Potenzialität und Faktizität gekennzeichnet:

»›Potentialität‹ als Inbegriff der dem Individuum in ›erster Person‹, also in bewußtem Verhalten, gegebenen Handlungsmöglichkeiten und ›Faktizität‹ als Inbegriff der Art und des Ausmaßes der gegenüber der bewussten Verfügung widerständigen ›Vorgänge dritter Person‹, durch welche die Handlungsmöglichkeiten des Individuums determiniert und begrenzt sind.«

Das Spannungverhältnis von Potenzen und Fakten bestimmt nun sowohl das Erleben einer gegebenen Situation wie das der eigenen Person. Die situationale Befindlichkeit (oder: Situation) ist bestimmt durch die subjektiv erfahrenen (wahrgenommenen, emotional bewerteten) Handlungsmöglichkeiten und -beschränkungen. Die personale Befindlichkeit betrifft den eigenen Entwicklungsstand von Fähigkeiten, Wissen, Können, Bedürfnissen und emotionale Wertungen etc. in der Weise, wie er vom Individuum in bewusstem Verhalten zu sich selbst erfahren wird.

Als dritte Dimension ist nun noch die Zeit einzubeziehen, da es sich um einen individualgeschichtlichen Prozess handelt, der »durch die Erfahrung der eigenen Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit charakterisiert« (336) ist:

»Meine eigene Vergangenheit ist mir gegeben als gekennzeichnet durch frühere Möglichkeiten, deren Realisierung oder deren ›Verpasst-Haben‹, sowie durch die Möglichkeiten einschränkende ›unverfügbare‹ Fakten, denen ich ausgeliefert war, dies sowohl mit Bezug auf meine früheren Lebensbedingungen … wie auch auf meine eigene Befindlichkeit, meine Fähigkeiten, meine Absichten und Pläne etc., wobei auch die emotionale Seite der früheren Möglichkeiten und deren Beschränkungen zur Erfahrung meiner eigenen Vergangenheit gehört.« (336f)

Die so erfahrende Phänomenalbiographie ist jedoch stets nur Ausschnitt der Realbiographie, also den tatsächlichen biographischen Verhältnissen in der Vergangenheit. Sowohl Phänomenalbiographie wie auch ihr Verhältnis zur Realbiographie sind nicht statisch, sondern verändern sich in dem Maße, wie ich mich bewusst dazu ins Verhältnis setze, was ich wiederum später problematisieren kann etc. Das Spannungsverhältnis zwischen Phänomenal- und Realbiographie ist nicht aufhebbar, es handelt sich um einen permanenten Prozess der Interpretation und Deutung vom jeweils neu gewonnenen Standort der subjektiven Befindlichkeit.

Die rückwärtsgerichtete Zeitdimension der Biographie ist nun eng verbunden mit der zukunftsbezogenen Lebensperspektive, da

»gemäß der allgemeinen ›Möglichkeitsbeziehung‹ das, was ›aus mir geworden ist‹, immer (in mehr oder weniger großen Anteilen) auch einschließt, was ›ich aus mir gemacht habe‹, und dementsprechend das, was ›aus mir werden wird‹, ein Teilproblem der Frage ist, was ich zukünftig ›aus mir machen‹ kann.« (340)

Zusammenfassend:

»Es ist … das wesentliche Kennzeichen der Befindlichkeit der Menschen unter gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen, dass ihre ›Zukunft‹ eine entscheidende Qualifikation ihrer ›Gegenwart‹ ist.« (341)


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