11. Subjektive Handlungsgründe

Die Möglichkeitsbeziehung zur gesellschaftlichen Realität bedeutet weder Beliebigkeit noch Determination des menschlichen Handelns. Jedes Handeln findet stets im objektiven Handlungszusammenhang statt und setzt damit die in den gesellschaftlichen Bedeutungs-, Handlungs- und Denkstrukturen verkörperten Handlungsziele um. Dies geschieht unabhängig davon, wie verkürzt, zerstückelt, mystifiziert etc. sie sich dem Individuum als seine Situation präsentieren:

»Es sind dennoch immer eben jene Bedeutungs-, Handlungs- und Denkstrukturen, ›in‹ denen die Mystifikation liegt bzw. die da zerstückelt sind, und weder ›ich‹ als Subjekt noch die Subjektwissenschaft können auch noch so mystifiziert und partialisiert die Lebensbedingungen anders als in der Qualität von gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen erfassen, da sie ›Menschen‹ grundsätzlich ›nur so‹ gegeben sind.« (348)

Der neue Vermittlungsbegriff zur Fassung des Verhältnisses von objektiven Bedingungen und subjektiver Realisierung auf der Seite des Individuums ist der der subjektiven Handlungsgründe, oder kurz: Gründe. Dabei stehen sich Bedingungen und Gründe nicht äußerlich gegenüber, sondern die gesellschaftlichen Bedeutungs-, Handlungs- und Denkstrukturen bilden das Medium, in dem das Individuum seine Handlungsgründe hat:

»Die Befindlichkeiten/Handlungen von ›mir‹ als individuellem Subjekt sind … nicht einfach ›bedingt‹, sie sind aber notwendig in meinen Lebensbedingungen für mich ›begründet‹. Die in der Möglichkeitsbeziehung liegende subjektive Freiheit des So-und-auch-anders-Könnens heißt also nicht schrankenlose Beliebigkeit, Spontaneität, ›subjektive‹ Gesetzlosigkeit, sondern auch die ›freieste‹ Entscheidung ist für das Individuum ›begründet‹.« (349)

An dieser Stelle sei noch einmal der erkenntnistheoretische Status der Handlungsgründe als Vermittlungsbegriff verdeutlicht. Üblicherweise fallen Erklärungen auf die eine oder andere Seite des Dualismus von Beliebigkeit und Determination: Beliebigkeit hier als subjektiv-willkürliche Sinnstiftung des vom gesellschaftlichen Zusammenhang getrennt gedachten Individuums oder Determination als objektiv-auslösende Faktoren der ebenfalls als vom Individuum getrennt gedachten Umwelt. Auch das inhaltlich unverbundene Nebeneinanderstellen von beiden Polen — subjektives Erleben hier und objektive Bedingungen dort — ermäßigt das Problem nicht.

In jüngerer Zeit geben insbesondere Ansätze aus der Hirnforschung vor, sich dem Problem des Bewusstseins und Erlebens anzunähern, indem determinierende Außenfaktoren in determinierende physiologische Innenfaktoren ›übersetzt‹ werden. Wenn die Frage nach dem ›warum‹ subjektiven Verhaltens nun nicht mehr mit ›Außenweltbedingungen‹ (wahlweise auch mit ›genetischen Dispositionen‹) beantwortet wird, sondern mit ›neurophysiologischen Zuständen‹, ist die Wissenschaft der Auflösung des Dualismus jedoch keinen Schritt näher gekommen. Erst durch Einbezug der Handlungsgründe kann eine sinnvolle Vermittlung von subjektivem Erleben und objektiven Bedingungen hergestellt werden (weitere Überlegungen dazu folgen).

In den folgenden Kapiteln wird das für die Kritische Psychologie zentrale Konzept der Handlungsgründe weiter ausgeführt.


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