12.1 Bedeutungsanalyse des Kapitalismus

Wir befinden uns nun auf den ersten Niveau individualwissenschaftlicher Kategorienbildung, bei dem die allgemeinen gesellschaftstheoretischen Bestimmungen des Kapitalismus (vgl. Kap. 8.4 [1]) in Bezug auf die Lebenslage und Position (vgl. Kap. 8.3 [2]) konkretisiert werden. Die gesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen als objektiver Handlungszusammenhang sind den Indiduen in ihrer Position und Lebenslage ausschnitthaft zugekehrt. Diese Ausschnitte bilden die Infrastrukturen, in denen gedacht und gehandelt wird. Dabei sind die Infrastrukturen der Position — als Aspekt der personalen Teilhabe an der vorsorgenden Schaffung der Lebensbedingungen — durch die Anforderungen der Produktion und die unmittelbare Lebenslage durch die Anforderungen der Reproduktion strukturiert.

Zu den Widersprüchen kapitalistischer Vergesellschaftung zählt Holzkamp

»zuvörderst … die durch die Ausgeschlossenheit der Masse der Gesellschaftsmitglieder von der Verfügung über den gesamtgesellschaftlichen Prozeß bedingte objektive Mystifikation [=Verschleierung] des Zusammenhangs zwischen Reproduktions- und Produktionsbereich und die darin liegende Mystifikation der Produziertheit menschlicher Lebensbedingungen durch die unmittelbaren Produzenten« (361)

Diese Widersprüchlichkeit manifestiert sich in der unmittelbaren Lebenslage und der Position in unterschiedlicher Weise. Die Auswirkung kapitalistischer Vergesellschaftung auf Lebenslage und Position führt Holzkamp in einem längeren Exkurs aus. Die folgende Zusammenfassung versucht die Essenz anhand von Zitaten darzustellen. Dabei werden die Hervorhebungen weggelassen.

Lebenslage

Entwicklungslogisch zurückgeschaut gehen die Infrastrukturen der Lebenslage aus dem Bereich der individuellen Existenzsicherung des verallgemeinerten Nutzers hervor. Die Infrastrukturen der Lebenslage konstituieren Handlungsmöglichkeiten, Denkformen und personale Beziehungen — einschließlich aller Widersprüche. Es geht um die unmittelbare Befriedigung der Bedürfnisse, was auch »gesellschaftlich verallgemeinerte Erfahrungen, etwa im künstlerischen Bereich, rückbezogen auf die individuelle Lebenspraxis« (359f) einschließt; um sexuelle, familiale und freundschaftliche Beziehungen interaktiver Art, aber auch um unmittelbar kooperative Formen; generell um das Umgehen mit den Möglichkeiten und Widersprüchen der Alltagsanforderungen. Denkformen des verallgemeinerten Nutzers prägen sich als Normen, Traditionen, Moden, Sprachcodes etc. aus:

»(D)er ›verallgemeinerte Andere‹ verkürzt sich demgemäß auf das ›man‹: Die Verallgemeinerungen, soweit auf die ›Infrastrukturen‹ der Lebenslage bezogen, begründen sich quasi aus sich selbst, aus ihrer Verbreitung, die gleichzeitig ein Moment der Normativität enthält« (360)

In der unmittelbaren Lebenspraxis führt die »›bürgerliche‹ Formen der scheinhaft ungesellschaftlichen ›Privatexistenz‹ des Einzelnen« (ebd.) zur Umdeutung der »objektive[n] Lebenslage zur scheinbar ›natürlichen‹ Umwelt« (ebd.), in der die realen gesellschaftlichen Vermittlungen ausgeblendet sind. Durch die »Identifizierung des Wertes und des Gebrauchswertes der Waren« (362) kommt es zu einer »Fetischisierung des ›Geldes‹ und des ›Habens‹« und »›Naturalisierung‹ des komplementären Gebrauchswert-Tauschwertstandpunktes, also ›Unsichtbarkeit‹ seiner gesellschaftlichen Widersprüchlichkeit« (ebd.) des Verkaufens und Kaufens.

Auch in den alltäglichen Bedeutungen sind »Verweisungen auf den übergreifenden politisch-ideologischen Zusammenhang vom Standpunkt der herrschenden Klasse enthalten …: Indem die Individuen ihr alltägliches Leben … bewältigen, reproduzieren sie mit der eigenen Existenz gleichzeitig die bürgerlichen Klassenverhältnisse … und Herrschaftsstrukturen«, was die »faktische Mitwirkung der ausgebeuteten Klasse an ihrer eigenen Unterdrückung« (364) impliziert. Gleichzeitig sind in den Infrastrukturen der unmittelbaren Lebenslage auch »Handlungs- und Denkmöglichkeiten über die bürgerlichen Formen hinaus« (ebd.) enthalten, etwa »Möglichkeiten des unmittelbar-kooperativen Zusammenschlusses zum Widerstand gegen die Fremdbestimmtheit und Abhängigkeit« und »Möglichkeiten der ideologischen Durchdringung des bloßen ›Man‹ unhinterfragter Normen zur Regulierung der Alltagshandlungen im Einklang mit den herrschenden Interessen in Richtung auf die praktische Erkenntnis des Widerspruchs der allgemeinen, damit ›je meiner‹ Interessen zu den Partialinteressen der Kapitalherrschaft« (ebd.).

Position

Die Infrastrukturen der Position entstanden aus dem Bereich der gesellschaftlich-vorsorgenden Lebensgewinnung des verallgemeinerten Produzenten, einschließlich der praktischen Begriffe des Verallgemeinerten-Gemachtsein-Zu und der Aktivitäts-Ursache-Wirkungs-Kausalitäten. Sie beziehen sich auf Handlungsmöglichkeiten, Denkformen und personalen Beziehungen bei der Teilhabe an Arbeitshandlungen, eingeschlossen die formbedingten Widersprüche.

Für die Position führt das »historisch bestimmte Verhältnis, in welchem der Arbeiter, um zu leben, seine Arbeitskraft an den Kapitalisten als Produktionsmittelbesitzer verkaufen« muss zu »fremdbestimmten Arbeitsbedingungen«, die wiederum als »unveränderlich ewiges Naturverhältnis« erscheinen. Durch die »Verkehrung der Bezahlung der als Ware an den Kapitalisten verkauften Arbeitskraft als Bezahlung der Arbeit selbst« entsteht der »Schein der Möglichkeit ›gerechten Lohnes‹«, wodurch »Mehrwertproduktion und … Ausbeutungsverhältnis« (362) verschleiert werden. Da vom »naturalisierten Kapitalstandpunkt als Verwertungsstandpunkt jeder Einzelne in seiner Leistung/seinem Lohn mit jedem anderen ›verglichen‹ ist, also die Mehrleistung des einen gleichzeitig die Minderleistung, damit Lohnminderung des anderen, damit (real oder potentiell) die wechselseitige Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes bedeutet« (ebd.), stehen die Arbeiter objektiv in Konkurrenz zueinander. Durch die Eliminierung der »gesamtgesellschaftliche[n] Produziertheit der Arbeitsmittel und Arbeitsbedingungen« in den Denkformen erscheint die »stoffliche Naturaneignung durch ›operative‹ Arbeitshandlungen«, die »durch gesamtgesellschaftliche Zielsetzungen unter der Verfügung des Kapitals« bestimmt ist, »als reduziert auf jeweils bloß individuell antizipatorische Operationen, über die der einzelne Arbeiter bereits dann voll verfügt, wenn er die gegebenen operativen Anforderungen beherrscht« (ebd.).

Im Produktionsbereich treten die Machtverhältnisse offen zutage, da »der Einzelne, sobald er in die Produktionssphäre eintritt, automatisch dem Kommando des Kapitals unterstellt und in seinen Lebensäußerungen durch dessen Verwertungsstandpunkt beherrscht und diszipliniert ist: Die ›Arbeit‹ ist so hier für die Individuen, obwohl Teil ihrer Lebenspraxis und Vorbedingung für die Erhaltung ihrer Existenz, gleichzeitig ein ›Fremdkörper‹, da sie zu fremdgesetzten Bedingungen arbeiten müssen und sich dabei nicht ›selbst gehören‹« (365). Die »Fremdbestimmtheit der Arbeit, der permanente Druck ›von oben‹ …, die Konkurrenz zwischen den Arbeitenden, die Arbeitsplatzbedrohung durch den Kollegen …, die Arbeitslosigkeit als immer präsente Alternative« werde »als zwar ›hart‹, aber ›unvermeidlich‹, als ›Sachzwang‹, als notwendiger ›Preis der Freiheit‹ o.ä. vorgespiegelt« (ebd.). Die »manifeste Disziplinierung, Unterdrückung, Eliminierung bei Überschreitung der … gesetzten Beschränkungen der Handlungs- und Denkmöglichkeiten… unterliegt so dem Schein der Notwendigkeit im gesellschaftlichen Gesamtinteresse« (ebd.).

Auf der anderen Seite gibt es die »Möglichkeiten ›politischer‹ Zusammenschlüsse zur Zurückdrängung oder Aufhebung der Kapitalherrschaft in kollektiver Subjektivität: Von Gruppierungen informellen Widerstands, … über mannigfache Interessenvertretungen der Arbeitenden und gewerkschaftlichen Organisationsformen bis hin zur manifesten politischen Organisation des Klassenkampfs in der Produktion« (366). Auch hier sind jedoch »Ansätze von Handlungs-/Denkmöglichkeiten über die bürgerlichen Formen hinaus … selbst wieder durch die bürgerlichen Formen partiell mystifiziert und zurückgenommen, zumal die nackte Bedrohung und Unterdrückung durch die staatlich gestützte Kapitalmacht als in solchen Handlungs-/Denkmöglichkeiten liegendes Risiko mindestens latent allgegenwärtig sind« (ebd.).

Holzkamp hebt hervor, dass es sich nur um Hinweise handelt, die wesentlich genauer »in einzeltheoretisch-aktualempirischen Untersuchungen zu klären« (367) seien. In der GdP könnten nur »allgemeine Strukturmerkmale der bürgerlichen Gesellschaft veranschaulicht« (ebd.) werden.

Wie schon in Bezug auf Kap. 8.4 [1] will ich den begonnenen kritischen Exkurs (Kap. 8.5 [3]) im nächsten Kapitel mit einer Auseinandersetzung um hier dargestellte Skizze der Strukturmerkmale der kapitalistischen Gesellschaft fortsetzen.

der Einzelne, sobald er in die Produktionssphäre eintritt, automatisch dem Kommando des Kapitals unterstellt und in seinen Lebensäußerungen durch dessen Verwertungsstandpunkt beherrscht und diszipliniert ist: Die ›Arbeit‹ ist so hier für die Individuen, obwohl Teil ihrer Lebenspraxis und Vorbedingung für die Erhaltung ihrer Existenz, gleichzeitig ein ›Fremdkörper‹, da sie zu fremdgesetzten Bedingungen arbeiten müssen und sich dabei nicht ›selbst gehören‹.


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[1] Kap. 8.4: http://grundlegung.de/artikel/8-4-gesellschaftsformationen/

[2] Kap. 8.3: http://grundlegung.de/artikel/8-3-position-und-lebenslage/

[3] Kap. 8.5: http://grundlegung.de/artikel/8-5-exkurs-kritik-der-traditionellen-klassentheorie-teil-1/