12.6 Deuten und Begreifen

Auf dem dritten Niveau individualwissenschaftlicher Kategorienbildung (vgl. Kap. 12 [1]) beginnen wir mit den Denkweisen restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit, dem Deuten und Begreifen. Aus Gründen der »inhaltlichen Veranschaulichung der jeweiligen aufgewiesenen kategorialen Bestimmungen … unter Rekurs auf die allgemeine Lebenserfahrung«(428) betritt Holzkamp hier »die Grauzone zwischen Kategorialanalyse und einzeltheoretischer Hypothesenbildung« (ebd.), weshalb »derartige Darlegungen generell nur als unverbindliche Illustrationen zu werten« seien und »sowohl hinsichtlich ihrer strengen einzeltheoretischen Fassung wie hinsichtlich ihrer aktualempirischen Fundiertheit späterer Nachprüfung bedürftig sind« (ebd.). Mit diesem selbstkritischen Hinweis, den Holzkamp in der GdP allerdings im Kapitel zur Ontogenese quasi nachliefert, fassen wir nun die Bestimmungen des deutenden und begreifenden Denkens hier spiegelstrichartig zusammen.

Deuten

Das deutende Denken im Rahmen restriktiver Handlungsfähigkeit ist durch folgende Aspekte gekennzeichnet:

  • Es ist ein um die doppelte Möglichkeit (vgl. Kap. 11.3 [2]) verkürztes Denken: Die immer gegebene Möglichkeit der Verfügung über die Bedingungen wird zugunsten des alleinigen Handelns unter Bedingungen ausgeblendet.
  • Das Denken in Faktizitäten dominiert über das Denken in Potenzialitäten: Möglichkeiten erscheinen nur als »Möglichkeiten unter ›faktischen‹, unverfügbaren Bedingungen« (386)
  • Es ist ein um die gesellschaftlichen Verweisungen verkürztes Denken: Probleme erscheinen so, »als ob sie auch in der unmittelbaren Lebenslage« (387) gelöst werden könnten, da die »reale gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der Existenz des Individuums in seinem Denken eliminiert und negiert ist« (388).
  • Es ist eine person- und interaktionszentrierte Denkweise: Probleme können nur als personenbezogene und interaktiv entstandene und damit auch nur dort zu lösende Probleme gedacht werden.
  • Menschliche Aktivitäten werden nur als Operationen gedacht: Handlungsziele, die real gesellschaftliche Zielkonstellationen realisieren, werden so gedacht, »als ob sie bloß individuelle Ziele seien« (ebd.).
  • Das Denken gewinnt »quasi ›operativen‹ Charakter« (ebd.): Die perzeptive Ebene der Wahrnehmung verselbstständigt sich mit der Folge des »Hervortreten[s] des sinnlich-stofflichen Aspekts der Wirklichkeit« (ebd.)
  • Es ist Unmittelbarkeitsdenken: Durch das »Verhaftetsein im ›Unmittelbaren‹ [verliert] das Individuum quasi immer wieder die gnostische Distanz« (ebd.).
  • Es ist anschauliches Denken: »… das ›Denken‹ ist … unfähig, den sinnlichen Evidenzen und in ihnen liegenden Strukturierungsprinzipien quasi ›Widerstand zu leisten‹« (389)
  • Es ist Denken im Medium des Scheins: Die »objektiven Scheinhaftigkeiten und Mystifizierungen bürgerlicher Lebensverhältnisse … [werden] für bare Münze genommen« (ebd.)
  • Es ist statisches Denken: Ein Entwicklungsdenken und Denken von qualitativ Neuem ist unmöglich, zeitliche Abfolgen erscheinen nur als »sinnliche ›Momentaufnahmen‹ der Realität im Kopf ›verknüpft‹« (ebd.)
  • Es ist Denken »von einem ›Standpunkt außerhalb‹, der personalen ›Unbetroffenheit‹« (ebd.): Durch Eliminierung der gesellschaftlichen Vermitteltheit, »gewinnt das deutende Denken so eine fiktive Selbständigkeit und Selbstgenügsamkeit, gemäß der es so scheint, als ob Probleme, Widersprüche, Antagonismen mir nur als Individuum ›zustoßen‹« (ebd.)
  • Es ist personalisierendes Denken: Handlungen, Befindlichkeiten und Probleme werden »›aus sich selbst‹, d.h. der Wechselwirkung der Individuen mit der sachlichen Realität und untereinander« (390) gedeutet, womit Veränderungen stets nur auf der Ebene der Menschen ihrer Beziehungen denkbar sind.
  • Es identifiziert menschliche Beziehungen mit Instrumentalbeziehungen: Da der Bezug »auf allgemeine Ziele der Verfügung über die Lebensbedingungen … ausgeklammert ist« (ebd.), sind intersubjektive Beziehungen nicht denkbar.
  • Es ist normatives Denken: »Man tut dies…, weil man es tut, quasi als aus dem gesellschaftlichen Handlungszusammenhang isolierte Sicht ›mit den Augen‹ des ›verallgemeinerten Anderen‹« (ebd.)
  • Es verinnerlicht und psychisiert gesellschaftliche Widersprüche: Da gesellschaftliche Widersprüche nicht gedacht werden können, erscheinen sie als im Innern, der Psyche der Menschen liegend und nur dort lösbar.
  • Es ist dynamisch-regressiv: Da das Deuten ständig durch das aus dem Denken Ausgeklammerte in Frage gestellt wird, muss das Deuten immer wieder neu gegen überschreitende Einbrüche der zweiten Alternative abgesichert werden.
  • Es ist die naheliegende und nahegelegte Denkform: Es ist das Denken des »Sich-Einrichten[s] in der Abhängigkeit und die durch Arrangement mit den Herrschenden angestrebte Beteiligung an ihrer Macht in ›restriktiver Handlungsfähigkeit‹« (397)

Begreifen

Das begreifende Denken im Rahmen verallgemeinerter Handlungsfähigkeit ist durch folgende Aspekte gekennzeichnet:

  • Es steht nicht im Gegensatz zum Deuten, sondern schließt es notwendig ein: In der unmittelbaren Lebenspraxis müssen zunächst die deutenden Denkweisen angeeignet werden.
  • Das gilt auch für die »objektiven Scheinhaftigkeiten des kapitalistischen Reproduktionsbereichs« (394): »Ich kann … mein unmittelbares Dasein nicht anders bewältigen als ›in‹ den bürgerlichen Formen« (ebd.)
  • Es geht über das Deuten hinaus: Die Unmittelbarkeit wird überschritten in Richtung auf das Denken der gesellschaftlichen Zusammenhänge »im unmittelbaren Lebensvollzug in ihrer Bestimmtheit durch die antagonistischen bürgerlichen Klassenverhältnisse« (395).
  • Es kann die Entfremdung nicht abschaffen, sich aber ein Begriff von der Entfremdung verschaffen.
  • Es historisch bestimmt: Inhalt und Reichweite richten sich nach der historisch bestimmten »im subjektiven Möglichkeitsraum gegebenen ›zweiten Möglichkeit‹ der Verfügungserweiterung« (395)
  • Es ist universell möglich: Keine gesellschaftliche Unterdrückung oder personale Entwicklungsbehinderung, kann »für das Individuum die Möglichkeit des ›Begreifens‹ ausschließen« (396)
  • Es ist kein Denkstatus: Das Begreifen muss jeder mal erneut errungen werden, grundsätzlich sind »Inkonsistenzen, ›Rückfälle‹, ›Regressionen‹ etc. niemals auszuschließen« (396)
  • Es ist risikoreich und anstrengend: Begreifen bedeutet »Auflehnung gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse und das … Denken ›gegen den Strom‹ des ›selbstverständlich‹ Für-wahr-Gehaltenen in einem« (397)
  • Es ist das abgewehrte andere Denken: Da das Deuten brüchig ist, ist es stets durch die zweite Alternative bedroht, denn »›Abwehr‹ schließt paradoxerweise die Kenntnis dessen, was da abgewehrt wird, mindestens als Ahnung der davon ausgehenden Bedrohung ein« (ebd.)
  • Es kann das Unbewusste zurückdrängen: Indem ich mir die Selbstfeindschaft bewusst mache, »›habe‹ ich es auch immer weniger ›nötig‹, reale Beschränkungen, Abhängigkeiten, Unterdrückungsverhältnisse ›personalisierend‹ mir selbst bzw. meinen unmittelbaren Interaktionspartnern anzulasten« (398)
  • Es ist das Erkennen des »Allgemeine[n] im Besonderen der Befindlichkeit meiner individuellen Lebenslage« (ebd.): Ich kann »meine Isolation … überwinden durch die Erfahrung der Verbundenheit mit allen Menschen, die … mit ihren ureigensten Interessen auch die meinen wahren« (ebd.)
  • Es entsteht nicht bloß aus Widersprüchen des Deutens: Der Übergang zum Begreifen »hat den Charakter eines qualitativen Umschlags, eines ›Bruchs‹ mit dem bisherigen Denken [,der] … nur aus Widersprüchlichkeiten der realen Lebenspraxis restriktiver Handlungsfähigkeit« (399) entstehen kann.
  • Es ist ein »Denken vom ›Standpunkt innerhalb‹ des historischen Prozesses« (ebd.): Der Schein des Unbeteiligt-Seins und Standpunkts außerhalb wird erkannt.
  • Es erfordert einen »›Bruch‹ mit der bisherigen Lebenspraxis« (400): »Nur die als realisierbar erfahrene Möglichkeit eines besseren Lebens kann … mir … die Ansätze begreifender Wirklichkeitserkenntnis eröffnen« (399f)
  • Es ist dialektisches Denken: »Die ›Logik‹ des begreifenden ›Denkens innerhalb‹ ist … ›Standpunktlogik‹ und ›Entwicklungslogik‹ zugleich.« (400)
  • Es ist Denken »in ›Kräfteverhältnissen‹« (ebd.): Die »Durchsetzung der allgemeinen Interessen gegen die herrschenden Interessen [erfordert] die Überschreitung bloß ›individueller‹ Ohnmacht durch (informellen oder organisierten) Zusammenschluss mit anderen« (ebd.)
  • Es ist »›Denken‹ von Widersprüchen«, ist »›mehrseitiges‹ Denken« (401): Die »in der Unmittelbarkeit vollzogenen Isolationen der einzelnen Widerspruchspole, damit Eliminierung der Widersprüche selbst, [wird] durch die Reproduktion der über das ›Naheliegende‹ hinausgehenden Zusammenhänge/Widersprüche einen Schritt weit überwunden« (ebd.)
  • Es ist die Oberfläche durchdringendes Denken: Erst im Begreifen ist es möglich, »sich … weniger ›etwas vormachen zu lassen‹ bzw. ›etwas vorzumachen‹, somit die allgemeinen/eigenen Interessen praktisch besser wahren zu können« (ebd.)
  • Es ermöglicht perspektivisch die »Aufhebung der wissenschaftlichen Subjekt-Objektdistanz in einer umfassenderen ›Verwissenschaftlichung‹ des gemeinsamen gesellschaftlichen Lebens« (402)

Deuten wie Begreifen sind kategorial fundierte Richtungsbestimmungen, keine Eigenschaften des Denkens (etwa nach dem Muster einer Checkliste, was sich bei der hier gewählten Form der Spiegelstrich-Liste irriger Weise nahelegen könnte). Wie alle Kategorien sind ist auch das Begriffspaar Deuten/Begreifen Mittel in der Hand der Betroffenen, um ihre eigene Lebenslage durchdringen zu können.

auf allgemeine Ziele der Verfügung über die Lebensbedingungen somit ausgeklammert ist


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[1] Kap. 12: http://grundlegung.de/artikel/12-handlungsfaehigkeit-im-kapitalismus/

[2] Kap. 11.3: http://grundlegung.de/artikel/11-3-doppelte-moeglichkeit/