13.6 Entwicklungszug der Unmittelbarkeitsüberschreitung

Auch nach Erreichen der Bedeutungsverallgemeinerung und Kooperativität bezieht sich die kindliche Lebenslage zunächst vorwiegend auf den familialen (bzw. häuslichen) Unterstützungsrahmen, erweitert ggf. um den von anderen Kindern oder von kinderbetreuenden Institutionen. Zwar wird nun ›irgendwie‹ klar, dass die Dinge ›irgendwo‹ gemacht werden, und auch die Erwachsenen beziehen ihre Macht aus ›externen‹ Quellen (›Geld haben ist Macht haben‹) — einschließlich damit einhergehender Verpflichtungen (›Geld verdienen müssen‹ etc.). Jedoch sind diese außerfamilial (bzw. außerhäusig) bezogenen Brauchbarkeiten und Bedeutungen der Dinge sowie die Prämissen der Macht der Erwachsenen für das Kind nicht aus dem unmittelbaren Kooperationsrahmen heraus erklärlich.

Die »Diskrepanzen zwischen dem Einfluß der Erwachsenen und seinem eigenen Einfluß auf den gemeinsamen Lebensprozeß« (474) kann das Kind nur durch eigene Entwicklung verringern. Holzkamp spricht in diesem Zusammenhang von einer »globalen Entwicklungsorientiertheit« (475). Diese gehe jedoch nicht auf eine eingebaute ›Wachstums-Motivation‹ zurück, wie es etwa die Humanistische Psychologie annehme, sondern das Kind könne »nur so seine Ausgeliefertheit und seine Isolation von den Verfügungsmöglichkeiten in Abhängigkeit von den Erwachsenen überwinden und die Perspektive eines angstfreien Daseins ›menschlicher‹ Bedingungsverfügung/Bedürfnisbefriedigung gewinnen« (ebd.).

Das Hineinwachsen in außerfamiliale Anforderungen (Kita, Schule etc.) verbreitert die Handlungsbasis des Kindes bzw. Heranwachsenen, während die Rolle des unmittelbaren Unterstützungsrahmens relativiert wird. Einerseits bieten die außerfamilialen Aktivitäten neue Möglichkeiten für eine größere Selbstbestimmung, andererseits laufen die gesellschaftlichen Anforderungen auf eine fremdbestimmte Erwachsenen-Existenz in der kapitalistischen Gesellschaft hinaus. Die individuellen Weisen der Unmittelbarkeitsüberschreitung vollziehen sich damit im Spannungsfeld von restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit (vgl. Kap. 12.3 [1]). Eine genauere Klärung der möglichen Widersprüche kann nicht auf kategorialer, sondern nur auf aktualempirischer Basis vorgenommen werden.

Eine besondere Form der Beziehung zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen, die sogenannte Erziehung, fasst Holzkamp in deutlichen Worten:

»In dem herrschenden Konzept von ›Erziehung‹, dem gemäß Kinder genuin nicht lernen und sich entwickeln ›wollen‹, sondern erst durch Drohungen, Einschüchterungen und Bestechungen dazu gepresst werden müssen, ist das gesellschaftliche Interesse an der Durchsetzung des Sich-Abfindens mit der Fremdbestimmtheit, also partiellen Behinderung und ›Brechung‹ der kindlichen Aktivitäten zur subjektiv notwendigen Erweiterung seiner Verfügung/Lebensqualität durch Selbstentwicklung, bereits im Sinne der bürgerlichen Ideologie impliziert. Kindliche Lebensbedingungen, in denen es sich frei und ungebrochen in Richtung auf die Durchsetzung seiner Lebensinteressen in Teilhabe an der Verfügung über allgemeine/eigene Daseinsumstände entwickeln kann, sind eben nicht die, aus welchen die ›gebremste‹ Bedingungsverfügung der Erwachsenenexistenz in der bürgerlichen Gesellschaft resultiert« (476f)

Mit Hilfe der entwickelten ontogenetischen Kategorien sollen

»für die betroffenen Kinder wie Erwachsenen die unterschiedlichen Formen der Beeinträchtigung ihrer Befindlichkeit innerhalb der Kind-Erwachsenen-Koordination, des Verfügungsentzugs, der Angst und des Leidens, als Erscheinungsweisen historisch bestimmter Restriktionen subjektiv notwendiger Handlungsfähigkeit … aufgrund gesellschaftlicher Unterdrückungs- und Mystifikationsverhältnisse unter bürgerlichen Lebensbedingungen … durchdringbar und so deren immanente ›Gebrochenheiten‹ und Widersprüchlichkeiten in Richtung auf verallgemeinerte Handlungsfähigkeit und ›menschliche‹ Lebensqualität … leichter überwindbar sein« (496)

Die »Richtung« der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit wird noch genauer bestimmt: Es gehe darum, den Betroffenen die Perspektive zu eröffnen, »die Kind-Erwachsenen-Koordination in Richtung auf ›Intersubjektivität‹ zu entwickeln und schließlich in verallgemeinerten ›intersubjektiven‹ Beziehungen zwischen Menschen aufzuheben« (ebd.). Damit ist auch die Alternative zur Erziehungsförmigkeit von Beziehungen benannt, was allerdings in der GdP nicht weiter ausgeführt wird.


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