14.1 Kategorien und Theorien

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Abb. 30: Kategorien und (Einzel-) Theorien im Forschungsprozess

Kategorien und Theorien besitzen jeweils ein eigenständiges empirisches Fundament. Sie beziehen sich beide auf verschiedene Seiten des gemeinsamen Forschungsgegenstands — hier auf die psychische Lebenstätigkeit des gesellschaftlichen Individuums (vgl. die schematische Skizze in Abb. 30).

Die historisch-empirische Kategorialanalyse wurde als funktional-historische Rekonstruktion der Entstehung und Differenzierung des Psychischen — bis hin zum Menschen im Kapitalismus — geleistet. Die gewonnenen Grundbegriffe, die Kategorien, sind damit schon als solche »›realitätshaltig‹, haben also einen eigenständigen subjektwissenschaftlichen Erkenntniswert innerhalb der Psychologie« (511). Sie machen inhaltlich-fundierte Strukturaussagen, etwa die der doppelten Möglichkeit: unter Akzeptanz der gegebenen Bedingungen zu handeln oder Einfluss auf die Bedingungen zu erlangen, um die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern (vgl. Kap. 11.3 [2]). Welche der Handlungsrichtungen eingeschlagen wird, welche Widersprüche, Möglichkeiten und Beschränkungen sich dabei ergeben, kann dann allerdings nur aktualempirisch erforscht werden. Allgemeine Strukturaussagen lassen sich nicht auf den Einzelfall herunterkonkretisieren. Kategorien sind analytische Bestimmungen, die den erkennenden Zugriff auf die Lebenswelt strukturieren.

Auf der Grundlage der Kategorien werden (u.U. widerstreitende) Theorien entwickelt, um den wirklichen Erscheinungsreichtum des vorliegenden Einzelfalls mit Hilfe von aktualempirischen Methoden zu erschließen. Die Theorien werden — idealerweise — in verallgemeinernden (Theorie-) Begriffen formuliert, während die konkreten Ergebnisse der Aktualempirie so genau wie möglich in Beschreibungsbegriffen erfasst werden.

Zwischen Kategorien und Theorien besteht kein Deduktionsverhältnis. Weder können Theorien aus Kategorien abgeleitet, noch umgekehrt Theorien durch Abstraktifizierung zu Kategorien verdichtet werden. Kategorien setzen den inhaltlich qualifizierten Rahmen — den »Gegenstand, seine Abgrenzung nach außen, sein Wesen, seine innere Struktur« (27) — für die Formulierung von Theorien, die Entwicklung von Methoden und die Interpretation von Ergebnissen (Abb. 30: Pfeil mit durchgezogener Line). Scheitern Theorien bei ihrer empirischen Überprüfung, so kann dies auch ein Hinweis auf die Unangemessenheit der kategorialen Grundlage sein (Abb. 30: Pfeil mit gepunkteter Linie). Das kann jedoch wiederum nur kategorialanalytisch überprüft werden.

Wenn auch Methoden durch die Kategorien inhaltlich vorstrukturiert sind, bedeutet das, dass Methoden keinen neutralen Status besitzen (können), sondern mit ihnen vorgegeben ist, was am Forschungsgegenstand sichtbar gemacht werden kann und was systematisch — methodisch — verschleiert wird. Der notwendige inhaltliche Zusammenhang von Kategorien und Methoden ist der Ausgangspunkt für die umfängliche Methodenkritik an der traditionellen Psychologie.


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[2] Kap. 11.3: http://grundlegung.de/artikel/11-3-doppelte-moeglichkeit/