14.5 Metasubjektiver Verständigungsrahmen

Wie kann Objektivität und damit Verallgemeinerbarkeit aktualempirisch erreicht werden? Zunächst fordert Holzkamp:

»Das Niveau des ›intersubjektivem Verständigungsrahmens aufgrund der kategorialanalytisch herausgearbeiteten verallgemeinerten Verständlichkeit subjektiv funktionaler Handlungsgründe im Medium von Bedeutungszusammenhängen … darf in der Beziehung zwischen Forscher und Betroffenen niemals unterschritten werden.« (541)

[1]

Abb. 33: Das Verhältnis von Bedingungen (dunkelgrau) und Subjektivität (hellgrau) in variablen-, subjektivistisch- und kritisch-psychologischen Ansätzen (v.l.n.r).

In dieser Forderung wird mit den Prämissen eine wichtige Kategorie nicht genannt, deren zentrale Stellung erst in den Nach-GdP-Texten richtig deutlich werden wird. Während sich die Bedeutungszusammenhänge auf Welt beziehen, sind die Handlungsgründe stets die des Individuums. Diese werden dann intersubjektiv verständlich, wenn die Prämissen, also jene Aspekte der Bedeutungen in der gegebenen Lebenslage und Position, die je ich zur Grundlage meines Handelns mache, aufgeklärt werden (vgl. Abb. 33). Prämissen sind also weder durch die Bedingungen/Bedeutungen determiniert, noch bloß subjektiv-willkürlich erzeugt, sondern sie bilden das zentrale Vermittlungsglied zwischen je mir, meinen Gründen und den für mich relevanten Bedeutungen in meiner Lebenswelt (vgl. dazu auch Kap. 11.2 [2]).

Die Relevanz des Vermittlungszusammenhangs wird deutlich, wenn man sich die Vereinseitigungen in traditionellen Ansätzen klar macht. Im variablenpsychologischen Zugang wird das Individuum als bloß unter Bedingungen stehend betrachtet. Seine Subjektivität wird durch die experimentell-statistischen Verfahren eliminiert (vgl. Kap. 14.2 [3]). Subjektivistische Zugänge hingegen isolieren die Seite der Bedingungen und verlagern die Bedeutungsstiftung und mit ihr verbundene psychodynamische Problematiken in das Individuum. Mischformen und das Pendeln zwischen beiden Positionen sind leicht vorstellbar, denn beiden liegt »die gleiche Ausgrenzung der gesellschaftlich-individuellen Wirklichkeit des Subjekts als Schöpfer der materiellen Lebensbedingungen, unter denen es existiert, zugrunde« (536).

Holzkamp bezeichnet die zu erreichende Objektivierung im intersubjektiven Forschungsprozess als »Niveau wissenschaftlicher ›Metasubjektivität‹, die die intersubjektive Beziehung zwischen Forscher und Betroffenem einschließt und übersteigt« (541). Mit Metasubjektivität meint Holzkamp jenen Raum, in dem individuelle und kollektive Selbstverständigung möglich ist. Dieser Raum muss aktiv hergestellt werden. Dazu dienen die kritisch-psychologischen Kategorien. Jede gelungene (Selbst-) Verständigung ist gleichzeitig Herstellung wissenschaftlicher Objektivität und Verallgemeinerung. Dies gilt zunächst für den Forschenden selbst:

»Die Kategorien haben sich also zu allererst als Mittel der Selbstklärung der Befindlichkeit des Forschenden innerhalb des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs im Sinne erweiterter Bedingungsverfügung und Daseinserfüllung zu ›bewähren‹: Andernfalls kann und wird er sie nicht zur Grundlage seiner subjektwissenschaftlichen Forschungsaktivitäten nehmen.« (541f)

Dann sind es die Betroffenen, die

»selbst auch ihre subjektive Befindlichkeit in Aneignung der subjektwissenschaftlichen Kategorien durchdringen und so auf die Ebene metasubjektiver Verallgemeinerbarkeit bringen: Dadurch werden, indem hier die Differenz zwischen Wissenschaftssubjekt und betroffenen Subjekten partiell aufgehoben ist, die Betroffenen zu realen Kommunikationspartnern des Forschers auf dem Niveau des metasubjektiv-wissenschaftlich qualifizierten intersubjektiven Verständigungsrahmens« (543)

Die Betroffenen werden so zu Mitforschenden und die »zu konzipierenden aktualempirischen Methoden zu Methoden in der Hand der Betroffenen« (ebd.). Das Mitforschendenkonzept ergibt sich notwendig aus dem Kriterium der Gegenstandsadäquatheit der Methoden (vgl. Kap. 14.3. [4]), wonach die »Kategorien, Theorien, Methoden … nicht Theorien und Methoden etc. über die Betroffenen, sondern für die Betroffenen« (544) sein müssen.

Dies wiederum schließt ein, dass das zu untersuchende Problem nicht vom Forschenden dem Mitforschenden aufgegeben wird, sondern ein eigenes Problem des Mitforschenden ist, so dass beide »›von Subjekt zu Subjekt‹ unter den Vorzeichen des gemeinsamen Erkenntnisinteresses an der Klärung des Problems« (545) mitwirken können. Welche konkreten Methoden dabei dann tatsächlich genutzt werden, ist Bestandteil des aktualempirischen Forschungsprozesses.


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[2] Kap. 11.2: http://grundlegung.de/artikel/11-2-selbstverstaendigung-und-praemissen/

[3] Kap. 14.2: http://grundlegung.de/artikel/14-2-traditionelle-psychologie

[4] Kap. 14.3.: http://grundlegung.de/artikel/14-3-gegenstandsadaequatheit