14.7 Grundlagenforschung

Kann es so etwas wie subjektwissenschaftliche Grundlagenforschung geben, und wie verhielte sich diese zum Standpunkt erster Person? Im langen Gang durch die historisch-empirische Kategorialanalyse konnten auch immer wieder unterschiedliche Ebenen des Mensch-Welt-Verhältnisses aufgezeigt werden, die eine Eigenevolution durchliefen. Systematisch gruppiert lassen sich in der GdP vier solcher Ebenen identifizieren:

  1. Spezifisch-menschliche Prozesse/Dimensionen, die die gesellschaftliche Natur des Menschen bestimmen: Hier geht es um die zentrale Vermittlungskategorie der Handlungsfähigkeit einschließlich der Bedeutungs– und Bedürfnisverhältnisse sowie um Wahrnehmung, Denken, Emotionalität und Motivation entsprechend der gegebenen Lebenslage und Position im Verhältnis von Möglichkeiten und Einschränkungen (vgl. Kap. 14.6 [1]).
  2. Spezifisch-menschliche Prozesse/Dimensionen, die nicht die gesellschaftliche Natur des Menschen bestimmen: Dazu gehören etwa Primärbedürfnisse wie die Sexualität, die nicht selbstständiger Aspekt der individuellen Vergesellschaftung sind, sondern mitvergesellschaftet und somit gesellschaftlich geformt werden.
  3. Unspezifisch-menschliche Basisprozesse: Dazu gehören die Perzeptions-Operations-Koordination, subsidiäre Lernformen, elementare Ebenen der Perzeption (Aussonderung/Identifizierung, Gradientenorientierung) usw.
  4. Unspezifisch-physiologische Basisprozesse: Hier geht es schließlich um basale Körperprozesse der Mikroebene, die aus ihrem übergeordneten funktionalen Kontext isoliert wurden (etwa Mikroprozesse auf der Ebene von Gehirn, Nerven oder Sinnesorganen).

Vor jeder aktualempirischen Forschung wäre also jeweils kategorial zu klären, um welche Ebene es eigentlich geht oder gehen soll und welche inhaltlichen Aussagen überhaupt zu erreichen sind ohne durch Universalisierungen unzulässige Ebenenüberschreitungen vorzunehmen. Gleichzeitig sind die identifizierten Unterschiede nicht als Trennungen auszulegen, sondern die Einheit des handlungsfähigen Menschen und damit die Verbundenheit der Ebenen muss erhalten bleiben.

Holzkamp hebt hervor, dass sich mit dem ›Ebenenabstieg‹ die Aufgabenstellung der universalistischen Konzeption der traditionellen Psychologie (vgl. Kap. 14.2 [2]) annähert:

»Je unspezifischer die jeweilige kategoriale Ebene, innerhalb derer die Fragestellung für die aktualempirische Grundlagenforschung angesiedelt ist, umso weitergehend kann dabei von Spezifika des gesellschaftlichen Mensch-Welt-Bezugs abstrahiert werden, umso weitergehend nähern sich die an den Bedeutungskonstellationen zu berücksichtigenden Aspekte also den allgemeinen Zügen der Bedeutungen an, die die Menschen mit anderen Lebewesen gemeinsam haben: nämlich solchen einer bloß natürlichen, individuellen ›Umwelt‹.« (578)

Da auf den nicht bestimmenden und unspezifischen Ebenen 2 bis 4 von der gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit abstrahiert wird, kann hier vom Einzelfall »direkt auf die ganze ›Gattung‹, d.h. auf die allgemeinsten Kennzeichen des psychischen Aspekts gesellschaftlich-›menschlicher‹ Existenz überhaupt, verallgemeinert werden« (578f). Daraus folgt dann allerdings auch:

»Sofern die Hypothese inhaltlich ›stark‹ genug ist, muß sich ihre Bestätigung nämlich auch hier mit ›bloßem Auge‹ feststellen lassen; so ist, wenn zwei Verteilungen sich nicht überlappen, eine statistische Unterschiedsprüfung überflüssig. Die Notwendigkeit der Anwendung von Statistik signalisiert also generell einen radikal revisionsbedürftigen Stand der Theorienbildung« (582)


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