2.1 Der vorpsychische Lebensprozess

Wenn das Psychische die Grundkategorie ist, die die Wissenschaft der Psychologie ausmacht, dann ist die entwicklungslogisch zu beantwortende Frage die nach ihrer Entstehung: Wie sah das Leben ohne »Psychisches« aus und warum entwickelte sich das Psychische? Um der Beantwortung näher zu kommen, ist zunächst zu klären, was eigentlich »Leben« ist. Klaus Holzkamp erklärt in der GdP, dass hier eigentlich weiter »nach vorne« gefragt werden müsse, da

»auch der Lebensprozeß selbst historisch geworden und als Grundform neuer Qualität aus vorbiologischen Prozessen hervorgegangen ist«. (59)*

Dies unterbleibt jedoch ausdrücklich, weil hier von Seiten der Kritischen Psychologie keine neuen Beiträge erbracht worden seien und man sich auf den einschlägigen Stand in der Biologie beziehen könne. An anderer Stelle habe ich jedoch ausgeführt (Meretz 1992 [1]), dass sich eine Untersuchung des Übergangs von vorbiotischen zu biotischen Prozessen auch im Hinblick auf eine vertiefte Analyse des Psychischen, insbesondere unter dem Informationsaspekt, durchaus lohnen könnte. Ich werde zu gegebener Zeit darauf zurückkommen.

Für den Evolutionsprozess sind zwei Strukturebenen zu betrachten: die Ebene der Population und die Ebene des einzelnen Organismus. Im Verhältnis der beiden Ebenen ist die Ebene der Population die bestimmende. Der einzelne Organismus interessiert nur insofern, als er die Überlebenswahrscheinlichkeit der Population erhöht oder mindert. Die folgenden vier Kriterien für »Leben« können systematisch diesen beiden Ebenen zugeordnet werden.

Population: strukturidentische Selbstreproduktion durch

  • Vermehrung: Jede Population artgleicher Organismen muss sich vermehren, um sich über die Zeit zu erhalten. Das Genom ist dabei der informationelle Träger der prinzipiellen Artgleichheit.
  • Mutagenität: Die Reproduktion erfolgt nicht vollständig identisch, sondern genomische Abweichungen im Vermehrungsprozess führen zu Merkmalsvariationen, die ihrerseits erblich sein können.

Organismus: Erhaltung der Strukturidentität durch

  • Stoffwechsel: Durch Aufnahme und chemische Umwandlung von Stoffen (Assimilation) sowie Abgabe von Endprodukten (Dissimilation) wird Energie gewonnen, mit der der Organismus seine innere Stabilität gegenüber (in einem verträglichen Rahmen) wechselnden Umweltbedingungen aktiv aufrechterhalten kann.
  • Reizbarkeit: Gleichursprünglich mit dem energetischen ist der informationelle Aspekt. Der Organismus kann selektiv auf stoffwechselrelevante und -irrelevante oder abträgliche Umweltbedingungen reagieren, d.h. in unterschiedliche Aktivitäten umsetzen (z.B. Assimilation zulassen, blockieren etc.)

Vermehrung und Mutagenität sind also die »Mittel« der Population, auf Umweltveränderungen durch Entwicklung zu »reagieren«. Stoffwechsel und Reizbarkeit sind der energische und informationelle Aspekt bei der Aufrechterhaltung der physischen Integrität des Organismus. Zwei Schlüsse sind an dieser Stelle wichtig: Entwicklung und Erhaltung sind Bestandteile des gleichen Prozesses, und der Organismus ist nicht isoliert zu betrachten, sondern das Organismus-Umwelt-Verhältnis ist stets in seinem Zusammenhang zu analysieren.

Umwelt und Organismus stehen allerdings nicht wie bei Prozessen der unbelebten Natur in einem unmittelbaren Ursache-Wirkungs-Verhältnis, sondern Umwelttatsachen werden jetzt zweifach vermittelt: Sie bewirken einerseits aktuell eine aktive Erhaltung der Systemintegrität und schlagen sich andererseits vermittelt über Entwicklung genomisch nieder. Diese Sichtweise wird als »funktional« bezeichnet.

Auf der Ebene des Organismus ist eine Aktivität dann funktional, wenn sie bei gegebenen Umweltbedingungen die Ausrechterhaltung der Systemintegrität bewirkt. Auf der Ebene der Population werden Umweltbedingungen in der Evolution funktional durch strukturelle Anpassungen der Organismen an diese Bedingungen widergespiegelt, die eine größe Überlebenswahrscheinlichkeit bedeutet. Klaus Holzkamp bringt das Beispiel des Fisches, dessen Form die Eigenschaften des Wasser nicht unmittelbar-kausal, sondern funktional widerspiegele. Die historisch-empirische Analysemethode der Kritischen Psychologie wird daher auch funktional-historische Analyse genannt.

*Anmerkung: Klaus Holzkamp verwendet stets den wissenschaftsbezogenen Terminus »biologisch« anstatt den gegenstandsbezogenen Terminus »biotisch« (Biologie = Wissenschaft vom Biotischen).


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[1] Meretz 1992: http://www.kritische-informatik.de/gen_infl.htm