2.2 Von der Reizbarkeit zum signalvermittelten Leben

[1]

Abb. 4: Die Entstehung des Psychischen im ersten Fünfschritt (alle Fünfschritte: Bild anklicken).

Es geht nun darum, den ersten Fünfschritt (von insgesamt dreien, vgl. Abb. 4) nachzuzeichnen.

1. Keimform

Ausgangspunkte des qualitativen Entwicklungszyklus sind Reizbarkeit und ungerichtete Ortsveränderungen. Der Kontakt des Organismus über seine Oberfläche mit seiner Umgebung kann selektiv aktiv genutzt werden. Die Fähigkeit zu ungerichteten Bewegungen liegt unverbunden noch bloß neben der Reizbarkeit vor. Unterschiedlich geeignete Umweltgegebenheiten werden also zufällig erreicht und per Oberflächenkontakt selektiv genutzt. Dass es bei Kontakt mit lebensfeindlichen Umgebungen für den Organismus »zu spät« sein kann, aktiv seinen Untergang zu vermeiden, liegt auf der Hand.

2. Krise

Die »Aufhebung« des Risikos als Population unterzugehen, wenn alle Einzelorganismen im lebensfeindlichen Milieu absterben (oder weil zufällig keine nährstoffreiche Region per ungerichteter Bewegung erreicht werden) besteht darin, Reizbarkeit und Bewegungsfähigkeit in der weiteren Entwicklung »zusammenzuschließen«. Damit dies möglich ist, muss sich der Entwicklungswiderspruch zwischen den Polen eines »Systemkollapses« und der »Stagnation« bewegen. Die Krise im Organismus-Umwelt-Zusammenhang darf also nur ein mittleres Ausmaß haben, so dass mutierte Organismen mit erweiterten Fähigkeiten im Sinne des Zusammenschlusses von Reizbarkeit und Bewegungsfähigkeit eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit besitzen, weil sie in verbessertem Maße selektiv Umweltgegebenheiten auswerten können.

3. Funktionswechsel

Der entscheidende Schritt zum ersten qualitativen Sprung vollzieht sich durch Herausbildung der Sensibilität als selektive Nutzung stoffwechselneutraler Gegebenheiten (»Signale«) zum Zwecke einer zielgerichteten Bewegung. Organismen mit diesem Fähigkeiten erlangen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, weil jetzt Signale, die nur mehr mittelbar auf Umweltzustände verweisen, selektiv so ausgewertet werden können, dass ein ggf. tödlicher Kontakt (oder ein ergebnisloser Energieverbrauch durch ungerichtete Bewegung) vermieden wird. Die Nutzung von Signalen entkoppelt und in Distanz zur Gefahr (oder zur Nahrung) durch zunehmend mehr Organismen erhöht auch die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Population, in der ungerichtete Bewegung und unvermittelter Umweltkontakt jedoch noch vorherrschen.

4. Dominanzwechsel

Mit dem Dominanzumschlag entwickelt setzt sich die Sensibilität schließlich als bestimmende Form der signalvermittelten Lebenstätigkeit durch, womit das Psychische auf seinen Begriff kommt. Negative (Gefahren) wie positive (Nahrung) Umweltgegebenheiten werden jetzt nicht mehr unmittelbar durch Kontakt erfahren, sondern Signale (Temperatur, Licht etc.), die keine Stoffwechselfunktion haben, werden als Mittler ausgewertet, um aktiv die Bewegung in Distanz auf die relevante Umweltsituation anzupassen. Die frühere »unvermittelte« Lebenstätigkeit tritt demgegenüber zunehmend zurück.

5. Umstrukturierung

Die signalvermittelte Lebenstätigkeit, also das Psychische, differenziert sich nun auf Basis der neuen vermittelten Form der Umweltbegegnung in verschiedene Formen der Orientierung, Emotionalität, Motivation und Kommunikation aus. Es bilden sich spezialisierte Sinnesorgane und Fortbewegungssysteme aus, interne Formen der Signalübertragung und Auswertung (Zentrales Nervensystem) entstehen und die Kontaktfläche zur Umwelt verliert die Möglichkeit zur direkten Nahrungsaufnahme und kann als »Haut« neue Funktionen übernehmen.

Der nächste Abschnitt befasst sich mit der Entwicklung der verschiedenen Orientierungsformen, der Emotionalität, der Motivation und der Kommunikation.


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