3.4 Bedarf und Emotionalität

Die tatsächliche Aktivität des Organismus ist identisch mit der Aktualisierung einer Bedeutung, während die Aktivitätsbereitschaft den Bedarf anzeigt, der mit einer zu aktualisierenden, also »potenziellen« Bedeutung verbunden ist. Mit dem Funktionswechsel zur signalvermittelten Lebenstätigkeit (vgl. Kapitel 2.2 [1]) bezieht sich der Bedarf nun nicht mehr auf unmittelbare physische Mangelzustände des Organismus, sondern auf die Signalvermittlung, die Auskunft darüber gibt, ob Umweltgegebenheiten für die Überwindung oder Vermeidung von Mangelzuständen geeignet sind.

Der Emotionalität kommt nun die Schlüsselfunktion bei der Bewertung der Umweltsignale zu. In der GdP wird die Kategorie der Emotionalität so bestimmt:

»Emotionalität ist die Bewertung von in der Orientierung, also ›kognitiv‹ erfaßten Umweltgegebenheiten am Maßstab der jeweiligen Zuständlichkeit des Organismus/Individuums, damit gleichbedeutend mit dem Grad und der Art der Aktivitäts-/Handlungsbereitschaft.« (98)

Die Emotionalität vermittelt also zwischen Orientierung und Ausführung (vgl. Kapitel 3.2 [2]) bzw. auf menschlichem Niveau zwischen Wahrnehmung und Handlung. Alles muss also zunächst »durch die Emotionen hindurch«, bevor es zu einer Aktivität oder — auf menschlichem Niveau — zu einer Handlung kommt.

Auf organismisch-tierischem Niveau darf die Bewertung nicht vorschnell als »Wahl« vermenschlicht werden. Eine »Wahl« hat weitere Voraussetzungen, die sich erst im Verlaufe der Evolution herausbilden. Dennoch wird hier deutlich, dass sich immer mehr vermittelnde »Instanzen« zwischen den Organismus und die Umwelt schieben mit dem Effekt, die Überlebenswahrscheinlichkeit des Organismus und damit der Art zu erhöhen.

Evolutionär differenzieren sich Bedeutungs- und zugehörige Bedarfsdimensionen zunehmend aus und verselbstständigen sich. Da diese nun keine direkte Funktion mehr für den Stoffwechsel haben, müssen die Aktivitäten zur Aktualisierung der stoffwechselunabhängigen Bedeutungs- und Bedarfsdimensionen emotional positiv bewertet werden: Sie müssen einen Lustgewinn für das Individuum bringen. Da die entsprechenden Aktivitäten vor dem möglichen Auftreten von Mangelzuständen ausgeführt werden, gewinnt die Emotionalität objektiv die Funktion der Anleitung zur Vorsorge, denn »Ziel« der vermittelnden Aktivitäten bleibt die Erhaltung der Population.

Die unterschiedlichen Bedeutungs- und Bedarfsdimensionen können von unterschiedlichen oder gar gegenläufigen Bewertungen begleitet sein. Die Emotionalität vereinheitlicht die Teilwertungen nun zu einer Gesamtwertung. Sie gewinnt damit orientierungsleitende Funktion und organisiert die Aktivitäten der Organismen. Dies ist deswegen möglich, weil die tatsächliche Aktivität und die Bereitschaft dazu getrennt sind und somit auch getrennt bewertet werden.

Bei einer Bereitschaft zu einer Aktivität, die entsprechend bewertet wird, muss also nun eine »passende« Bedeutung gefunden werden, damit die Aktivität auch tatsächlich ausgeführt wird. Anstatt »darauf zu warten«, bis die jeweilige Bedeutung zufällig auftritt, wird diese nun — angeleitet durch die Emotionen — zunehmend gezielter aufgesucht. Dies ist der Ansatzpunkt für die evolutionäre Herausbildung des Lernens und des Neugier- und Explorationsverhaltens (vgl. Kapitel 4 [3]).


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[1] Kapitel 2.2: http://grundlegung.de/artikel/2-2-von-der-reizbarkeit-zum-signalvermittelten-leben/

[2] Kapitel 3.2: http://grundlegung.de/artikel/3-2-orientierung-und-ausfuehrung/

[3] Kapitel 4: http://grundlegung.de/artikel/4-lern-und-entwicklungsfaehigkeit/