4.2 Subsidiäres Lernen im Rahmen der Festgelegtheit

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Abb. 11: Dominanzwechsel der Lernfähigkeit, Schritt 4.1: Subsidiäres Lernen (Klicken für Übersicht über alle drei Analyseschritte)

Mit der Durchsetzung der Lernfähigkeit entwickelt sich nicht nur eine Form – etwa »die« Lernfähigkeit schlechthin –, sondern unterschiedliche Formen mit unterschiedlicher Reichweite. Da die Fähigkeit zum Lernen nicht alternativ zur Festgelegtheit steht, sondern selbst einer festgelegten genomischen Grundlage bedarf, ist es sinnvoll, Lernfähigkeit und Festgelegtheit stets als Verhältnis zu begreifen und danach zu fragen wie genau dieses Verhältnis beschaffen ist. Ist die Festgelegtheit dominant, so geht es um das subsidiäre Lernen, ist umgekehrt die Lernfähigkeit dominant, um das autarke Lernen.

Mit dem autarken Lernen wird zwar der Dominanzwechsel im vierten Schritt des Fünfschritts erreicht (Kapitel 4.3), dies jedoch nicht auf Kosten des unentwickelteren subsidiären Lernens, sondern in Ergänzung dazu. Daher ist es notwendig, die Analyse im vierten Schritt zu differenzieren (vgl. Abb. 9 [2]). Zunächst also zum Analyseschritt 4.1, dem subsidiären Lernen (Abb. 11).

Die Habituation (Gewöhnung) ist die einfachste subsidiäre Lernform, bei der der Organismus abnehmend auf wiederholte Reize reagiert, wenn sich diese als »überflüssig« herausgestellt haben (z.B. Einziehen der Augenstile bei der Schnecke). Es handelt sich hier um eine Bedeutungsdeaktualisierung, die allerdings sofort wieder aufgehoben wird, wenn sich die Reizkonstellation ändert.

Das »Gegenstück« zur Habituation ist die Bedeutungseinengung anhand von Zusatzmerkmalen, auch selektive Fixierung genannt. Hier reagiert der Einzelorganismus zunehmend genauer auf Situationen, für die zusätzliche Merkmale als relevant gelernt werden (z.B. sog. EAAM: durch Erfahrung modifizierter angeborener Auslösemechanismus).

Das Differenzierungslernen oder die selektive Differenzierung als gelernte Bedeutungsdifferenzierung schließlich ist die höchste subsidiäre Lernform. Holzkamp schreibt:

»Die Fähigkeit zum Differenzierungslernen ist die individuelle Spezifizierbarkeit der früher dargestellten Fähigkeit zur Unterscheidung (Diskrimination) von Bedeutungseinheiten in der Orientierungsaktivität. (…) Die … globalen artspezifischen Bedeutungstypen werden dabei … durch Lernen ›individualisiert‹. Aus diese Weise individualisiert sich das jeweilige Tier selbst… « (134)

Im Rahmen des festgelegten Aktivitätsspektrums lernt das Individuum, die Aktivitätsmodifikationen genauer auf unterschiedliche Situationen abzustimmen, um so zu einer zielgerichteten Energiemobilisierung zu kommen. Dazu gehört das Lernen aus Fehlern (Versuch und Irrtum) und das Lernen der Vermeidung von Fehlern. Erlernte Aktivitätsmodifikationen etwa zur Vermeidung von Fehlern müssen jedoch auch wieder »verlernt« werden, wenn die ursprüngliche Fehlersituation entfällt, da einzeln differenzierend (»analytisch«) gelernte Bedeutungseinheiten noch nicht zur einer »Gesamtbedeutung« zusammengefügt (»synthetisiert«) werden können.

Die subsidiären Lernaktivitäten werden wie alle Aktivitäten emotional gewertet und auf diese Weise unterstützend oder abschwächend ausgerichtet. Eine positiv anleitende und orientierende Funktion bekommt die Emotionalität bei der höchsten subsidiären Lernform, dem Differenzierungslernen. Das Lernen zusätzlicher Bedeutungseinheiten, die zu bevorzugen oder vermeiden sind, ist emotional befriedigend und wird im individuellen »emotionalen Gedächtnis« gespeichert. Es ist objektiv funktional im Sinne der erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit des Individuums und damit der Art.

Die gelernten Bedeutungsdifferenzierungen und Bevorzugungen beziehen sich auch auf die Artgenossen im Sozialverband. Erst gelernte Differenzierungen ermöglichen das Entstehen von individualisierten Sozialstrukturen, in denen einzelne Tiere unterschiedliche soziale Bedeutungen besitzen (etwa einen Rang in einer Dominanz-Hierarchie im Tierverband).

In den nächsten beiden Kapiteln wird das autarke Lernen (Analyseschritt 4.2) und die Bedeutung der schützenden Sozialverbänden für die Dominanz der autarken Lernfähigkeit (Analyseschritt 4.3) vorgestellt.


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