4.5 Kritik behavioristischer Tierexperimente

Klassische behavioristische Reiz-Reakions-Theorien gehen davon aus, dass Lernen universell-organismischer Natur ist und folglich in prinzipiell gleicher Weise sowohl bei Tieren wie auch beim Menschen gefunden werden kann. Die naturgeschichtliche Rekonstruktion der Entstehung der Lernfähigkeit zeigt jedoch deutlich, dass dabei nicht nur in unzulässiger Weise Ergebnisse aus Tierexperimenten auf den Menschen übertragen werden, sondern dass es auch bei Tieren keinen »abstrakten Lernorganismus« gibt, dessen Funktionsweise auf »elementaren Lernmechanismen« beruht. Wie gezeigt, ist die Lernfähigkeit artspezifisches Resultat des jeweiligen evolutionären Entwicklungsprozesses einer Art in ihrer Umwelt.

Faktisch zeigt sich die Artspezifik des Lernens auch in Tierexperimenten. Durch einen entsprechend zugeschnittenen Versuchsaufbau werden jedoch die Voraussetzungen dafür geschaffen, universalisierend formulierte Lernhypothesen stets zu bestätigen. So werden die künstlichen Umwelten der Versuchstiere auf eine Weise konstruiert, dass sich ein quantifizierbares Ergebnis erzielen lässt, womit »qualitative« Fragen nach der Artspezifik von vornherein ausgeblendet sind. Dennoch schlägt die Artspezifik der Versuchstiere immer wieder durch: Waschbären zeigten ihr arttypisches Waschverhalten, anstatt wie intendiert Münzen in ein Sparschwein zu stecken etc. Eine derartige Dressur zeigt sich folglich als erzwungene Abweichung vom arteigenen Aktivitätsrepertoire.

Mit diesen Überlegungen ist auch die gängige Gegenüberstellung von »angeboren« und »erlernt« einschließlich quantifizierender Relationen zurückzuweisen. Die Lernfähigkeit entwickelte sich nicht auf Kosten der Festgelegtheit, sondern konnte nur auf Grundlage der festgelegten, prompt zur Verfügung stehenden Funktionen entstehen. Die Lernfähigkeit steht nicht in einem Ausschließungsverhältnis zum Angeborensein, sondern die Fähigkeit zum Lernen selbst ist angeboren.

Lernfähigkeit und Festgelegtheit sind folglich als Widerspruch zu begreifen, deren Verhältnis sich in der Evolution auf den jeweils neu erreichten Entwicklungsniveaus immer wieder neu herstellt und die Voraussetzung für neue Entwicklungsschritte ist. Dabei ist nicht nur ein erreichtes Niveau an Absicherung auf Basis der festgelegten Funktionen die Voraussetzung qualitativ neuer Entfaltung des Lernens, sondern umgekehrt bietet ein erreichtes Niveau der Lernfähigkeit auch die Voraussetzung für eine eigene evolutionäre Entwicklung festgelegter Funktionen (dies wird später näher erläutert).

Zum Abschluss ein eindrucksvolles Exemplar einer Übertragung von Ergebnissen aus Tierexperimenten auf den Menschen:

Männer, die bei der Auseinandersetzung mit Konkurrenten den Kürzeren ziehen, müssen nicht nur die Schmach verwinden — auch die Zuneigung ihrer Partnerin könnte empfindlich leiden. Das schließen Biologen von der Stanford University aus Experimenten mit Buntbarschen. (»Der Spiegel«, 6.12.2010)


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