4. Lern- und Entwicklungsfähigkeit

[1]

Abb. 9: Die Entstehung der Lern- und Entwicklungsfähigkeit im zweiten Fünfschritt (alle Fünfschritte: Bild anklicken).

Nun steht der nächste Fünfschritt an — die Nachzeichnung der evolutionären Entstehung der individuellen Lern- und Entwicklungsfähigkeit (vgl. Abb. 9).

Ausgangspunkt auf der Seite der Individuen ist die Modifikabilität. Damit ist die Variationsbreite eines genetisch festgelegten Merkmals gemeint, also die Spanne, in der sich die individuell unterschiedlichen Ausprägungen des Merkmals bewegen können. Die jeweiligen Ausprägungen selbst, also die Modifikationen, werden jedoch nicht weitervererbt.

Das Konzept der Modifikabilität wurde durch aktuelle Forschungen der Epigenetik untermauert. Die Epigenetik untersucht, wie Modifikationen von Zelleigenschaften bei der Zellteilung an nachfolgende Zellgenerationen weitergegeben werden  Dies geschieht durch Hemmungs- oder Unterstützungsprozesse beim Auslesen der entsprechenden Gensequenzen. Solche chemisch gesteuerten Modifikationen werden jedoch nicht wieder ins Genom »zurückgeschrieben«. Umgekehrt sind die möglichen Modifikationen und damit die Variationsbreite eines Merkmals genomisch festgelegt. Festgelegtheit und Modifikabilität eines Merkmals bilden also stets ein bestimmtes Verhältnis, wobei die völlige Abwesenheit der Modifikabilität eine Ausnahme darstellt.

Im Verhältnis zur evolutionären Anpassung über große Zeiträume bietet die Modifikabilität eine höhere Potenz zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen während der individuellen Entwicklung (Ontogenese) des Organismus. Sind jedoch die Umweltveränderungen zu schnell oder in ihren Auswirkungen zu differenziert, kann auch die Modifikabilität im Verhältnis dazu zu langsam und zu unflexibel sein. So können einmal per Modifikation ausgeprägte Merkrmale unter Umständen nicht mehr verändert werden etc.

Es kommt zu einem Entwicklungswiderspruch, der evolutionär nur in Richtung einer noch flexibleren Reaktion auf aktuelle Veränderungen, die sich während der Lebenszeit des Individuums abspielen, gelöst werden. Dabei muss die Modifikabilität in Richtung der Ausbildung von Lernfähigkeit überschritten werden. Die dafür notwendigen Entwicklungsschritte werden in den nächsten Kapitel nachgezeichnet.


Beitrag gedruckt von … die »Grundlegung« lesen!: http://grundlegung.de

URL zum Beitrag: http://grundlegung.de/artikel/4-lern-und-entwicklungsfaehigkeit/

URLs in diesem Beitrag:

[1] Bild: http://grundlegung.de/data/drei-fuenfschritte-der-gdp.gif