7.2 Evolutionäre Grundlagen des Denkens

Das Denken entsteht evolutionär aus der Orientierung, genauer: aus autark gelernten — sachlichen und zeitlichen — Antizipationen (Vorausahnungen). Dazu zunächst eine kurze Rekapitulation.

Vorläufer des autarken Antizipations-Lernens ist die noch ungerichtete Suchaktivität der Tiere zum Erkunden der Umwelt (vgl. Kap. 3.4 [1]). Der Widerspruch zwischen der relativ geringen Effektivität ungerichteter Suchaktivitäten und ihrer hohen Relevanz für das Überleben der Population wird durch die Herausbildung der Fähigkeit zum individuellen Lernen von Orientierungsbedeutungen aufgehoben:

»Damit wurde die ›Antizipation‹, die bisher nur ›gemittelt‹ in der genomischen Information beschlossen war, zu einer individuellen Fähigkeit bei der Orientierungsaktivität des einzelnen Tieres.« (261)

Was ist damit gemeint? Ungerichtete Suchaktivitäten sind dann erfolgreich, wenn artspezifische Schlüsselreize »gefunden« werden und überlebensrelevante Aktivitäten auslösen. Die objektive Antizipation liegt hierbei im Herstellen einer zukünftigen Begegnung mit dem Schlüsselreiz. Sie ist Teil des genomisch verankerten, artspezifischen Aktivitätsrepertoires in der entsprechenden Umwelt, die für die Population in »gemittelter« Weise zur Verfügung stehen.

Durch Lernen erworbene und sekundär automatisiert gespeicherte Aktivitäten verschieben die Antizipation auf die Ebene des Individuums — eine ungleich effektivere Möglichkeit, die Differenz zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Situationen zu verringern. Im Lernen solcher Antizipationen liegt

»der erste Ansatz zum Auseinandertreten von auf Gegenwärtiges und auf Repräsentiertes (›Vergegenwärtigtes‹) bezogener Orientierung in Richtung auf die Ausdifferenzierung von ›Wahrnehmen‹ und ›Denken‹« (261)

Mit dem Prüfen und dem Probieren und Beobachten entsteht eine neue rückgekoppelte Qualität der Orientierungs-Aktivitäts-Koordination. Sachliche und zeitliche Relationen werden nicht mehr nur aufgesucht, sondern gezielt herbeigeführt. Antizipierend gebildete Hypothesen über Effekte von manipulativen Einwirkungen auf Dinge können überprüft und in ihrem Ergebnis im Individualgedächtnis gespeichert werden. So entfaltet sich das Denken

»als Wechselspiel zwischen der ›inneren‹ Vergegenwärtigung von Zusammenhängen und ihrer ›Materialisierung‹ in der Beobachtung und Verarbeitung systematisch hergestellter Effekte des eigenen Tuns, also zwischen gedanklicher und praktischer Antizipation« (265)

Auch hier ist wieder hervorzuheben, dass die geschilderten Aktivitäten keinerlei Bewusstsein voraussetzen, sondern dieses ist erst Resultat der weiteren Entwicklung. Zentral für die Regulation der Aktivitäten ist die orientierungsleitende Funktion der Emotionalität (vgl. Kap. 3.5 [2]). Die emotionalen Erfahrungen mit bestimmten Bedeutungseinheiten und den damit verbundenen antizipierbaren Befriedigungs- und Bedrohungssituationen werden zusammen abgespeichert. Sie stehen damit vor einer Aktivität als antizipierte emotionale Wertung zukünftiger Situationen vor der Aktivitätsausführung zur Verfügung. Die so gefasste Motivation ist

»der emotionale Aspekt des genetischen [entwickungslogischen] Auseinandertretens von präsenz- und zukunftsbezogener Orientierung, also der allmählichen Ausdifferenzierung des ›Denkens‹« (263)

Kurz: Die Motivation ist die emotionale Seite des Denkens. Diese Bestimmung gilt jedoch erst vollumfänglich für das menschliche Denken (in Kap. 10).


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[2] Kap. 3.5: http://grundlegung.de/artikel/3-5-orientierungsleitende-funktion-der-emotionalitaet/