8.1 Gesellschaftliche Natur als Selektionsvorteil

Die gesellschaftliche Natur des Menschen entwickelt sich im phylogenetischen Prozess deshalb, weil sie eine biotische Spezialisierung darstellt, die einen Überlebensvorteil bietet. Holzkamp kennzeichnet diese Entwicklung allgemein als »wachsende aktive Aneignung der Natur durch verändernd-eingreifende Vergegenständlichung verallgemeinerter Zwecke der Lebensgewinnung« (176). Durch die »gegenständliche Fixierung von praktischem Veränderungswissen« (177) kann Erfahrung in gesellschaftlicher Dimension gespeichert und kumuliert werden (vgl. dazu Kap. 7.3 [1] und Kap. 7.5 [1]).

Die sich herausbildende gesellschaftliche Produktion der Lebensbedingungen und die phylogenetische Evolution wirken in einer Übergangsphase gleichzeitig. Auf diese Weise werden alle evolutionär per Mutation und Selektion neu erworbenen natürlich-gesellschaftlichen Potenzen im Genom kumuliert:

»Der Mensch wird durch einen derartigen Kumulationsprozeß genomischer Information zum einizigen Lebewesen, das aufgrund seiner ›artspezifischen‹ biologischen Entwicklungspotenzen zur gesellschaftlichen Lebensgewinnung fähig ist« (179)

Natur und Gesellschaftlichkeit sind also kein Gegensatz:

»Der Mensch gewinnt auf dem phylogenetischen Wege zur Dominanz des gesellschaftlichen Prozesses — nicht in einem metaphorischen, sondern im wörtlichen Sinne — seine ›gesellschaftliche Natur‹, d.h. natürliche Entwicklungspotenz zur Gesellschaftlichkeit« (180)

Die Übergangsphase ist dann beendet, wenn die Anpassung an die Überlebensanforderungen nicht mehr durch Mutation und Selektion passiv erfahren, sondern aktiv vorsorgend gewährleistet wird. Sobald die Herstellung der Lebensbedingungen in verallgemeinerter gesellschaftlicher Vorsorge die Entwicklung bestimmt, beginnt die gesellschaftlich-historische Progression mit eigenen innergesellschaftlichen Entwicklungsgesetzen, die allein aufgrund ihrer Dynamik den phylogenetischen Prozess bedeutungslos werden lässt und schließlich ablöst. Das Organismus-Umwelt-Verhältnis wird damit endgültig zum Mensch-Welt-Verhältnis.

Realhistorisch ist dieser Prozess mit dem Übergang »von der Okkupations- zur Produktionswirtschaft« (181f), also dem »Übergang von der bloßen … Ausbeutung vorhandener Lebensquellen … zur … geplanten Herstellung von Lebensmitteln durch Feldbau und später Viehzucht« (182) verbunden.

In den folgenden Kapitel werden die methodologischen Konsequenzen des Dominanzwechsels noch eingehender dargestellt.


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