Vorher lesen:

Artikel drucken

8. Wechsel der Analyseebene

Abb. 23: Dominanzwechsel zur gesellschaftlichen Entwicklung im dritten Fünfschritt (Klicken für alle Fünfschritte).

Wir haben nun die Entwicklung der Bedeutungs-Bedürfnis-Verhältnisse (Kap. 6) und die Entfaltung der psychischen Funktionen (Kap. 7) bis heran an den Dominanzwechsel zur gesellschaftich-historischen Entwicklung nachvollzogen. Sprachliche Vorgriffe wie Gesellschaft, Handlung, Denken etc. holen wir nunmehr inhaltlich vollständig ein, indem wir die Besonderheit des qualitativen Sprungs ausführen und anschließend die inhaltliche und funktionale Kategorialanalyse nach dem Dominanzwechsel fortführen (vgl. Abb. 23).

Die Besonderheit des zweiten Qualitätssprungs im dritten Fünfschritt besteht darin, dass es nicht mehr nur zu einem Dominanzwechsel innerhalb des umgreifenden Gesamtprozesses der Entwicklung kommt, sondern der Dominanzwechsel betrifft nun den Entwicklungsprozess selbst. Es kommt zum

»Umschlag von der Dominanz der phylogenetischen zur Dominanz der gesellschaftlich-historischen Entwicklung« (175).

Das phylogenetische Entwicklungsprinzip hebt sich auf. Das bedeutet, es bringt selbst einen neuen bestimmenden Modus der Entwicklung hervor, der die Relevanz des alten Entwicklungsprinzips vollständig in den Hintergrund verbannt. Das bedeutet nicht, dass die Phylogenese nicht mehr existieren würde, sie ist nur »faktisch bedeutungslos« (181) geworden. Der Grund dafür liegt in der im Vergleich zur Evolution um Größenordnungen schnelleren Entwicklung der Gesellschaftsgeschichte.

Folgende Angaben über Entwicklungszeiträume mögen dies illustrieren (nach neueren Daten, vgl. Wikipedia):

  • vor ca. 7 Millionen Jahren: Trennung der Hominini-Linie (Menschen und Vorfahren) von der Panini-Linie (Schimpansen und Vorfahren)
  • vor ca. 2,8 Millionen Jahren: Entstehung der Hominini-Gattung Homo
  • vor ca. 1,8 Millionen Jahren: Ausbreitung des Homo erectus (soziale Werkzeugherstellung) ausgehend von Afrika, aus dem sich u.a. der Neanderthaler in Europa entwickelte)
  • vor ca. 200.000 Jahren: Entstehung des (archaischen) Homo sapiens aus dem Homo erectus in Afrika
  • vor ca. 70.000 Jahren: Ausbreitung des Homo sapiens ausgehend von Afrika (Entwicklung »gesellschaftliche Natur« vermutlich abgeschlossen)
  • vor ca. 50.000 Jahren: parallele Existenz von Homo erectus, Neanderthaler, Homo floresiensis und Homo sapiens in Eurasien; Zusammentreffen von Homo sapiens und Neanderthaler; nur der Homo sapiens überlebt
  • vor ca. 10.000 Jahren: Beginn des kontinuierlichen gesellschaftlich-historischen Prozesses (Sesshaftwerdung im Zuge der Neolithischen Revolution)

Diese (groben) Angaben entsprechen im wesentlichen denen in der GdP. Mit Bezug auf das letzte Datum folgert Holzkamp für den Dominanzwechsel:

»Erst mit dieser gesellschaftlich-historischen Kontinuität ist der Dominanzwechsel zum gesellschaftlich-historischen Gesamtprozeß, der aufgrund des Entwicklungsstandes der evolutionär gewordenen Vergesellschaftungspotenzen schon (vielleicht 30.000 Jahre) eher möglich gewesen wäre, faktisch vollendet.« (183)

Nach den hier verwendeten neueren Daten liegt die von Holzkamp geschätzte Differenz zwischen der vollständigen Ausbildung der gesellschaftlichen Natur des Menschen und der tatsächlich etablierten historischen Kontinuität der gesellschaftlichen Entwicklung bei etwa 60.000 Jahren (statt 30.000).

In den folgenden Kapiteln soll der zeitlich skizzierte Prozess der Durchsetzung der Gesellschaftlichkeit inhaltlich noch differenzierter dargestellt werden.

Weiter geht's:

2 Kommentare

  • Marcel sagt:

    Holzkamp schreibt auf S. 190 zum “grundlegenden Unterschied des Verhältnisses Gesamtprozess/Organismus bzw. Individuum” vor und nach dem Dominanzumschlag, dass dieser Unterschied darin liege, dass das verhältnis sich quasi umkehrt: “Indem die Individuen beginnen, in gemeinschaftlicher Umweltverfügung ihre Lebensmittel und – bedingungen selbst zu produzieren, ist hier die Existenzerhaltung der Einzelindividuen das bewusst angestrebte Ziel, das allerdings nur über die beiträge von Einzelnen zur Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens […] erreicht werden kann.” (ebd.)

    Unsere Frage war, was er mit “bewusst angestrebt” meint – die Gesellschaft als System kann nicht bewusst anstreben? Meint es, dass nun der/die Einzelne bewusst seine Erhaltung anstrebt, dies aber nur durch den Erhalt des gesellschaftlichen Systems realisieren kann?

  • StefanMz sagt:

    Dieses Zitat verwende ich in Kapitel 8.2 »Gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit« und erkläre es auch dort. Könnt ihr noch zwei Wochen aushalten? Dann können wir die Frage dort nochmal aufrufen — falls sich dann nicht schon alles geklärt hat 🙂

    Ok, ein Vorgriff: Versucht, den Begriff »bewusst angestrebt« nicht emphatisch oder normativ, sondern kategorial zu lesen.

Kommentar