9. Bedeutungen und Bedürfnisse (Menschen)

Mit dem Dominanzwechsel wird das phylogenetische Entwicklungsprinzip von der gesellschaftlich-historischen Entwicklung abgelöst. Die frühgesellschaftlichen Sozialkooperationen, die ihre kooperative Lebensgewinnung noch innerhalb von überschaubaren Gruppen (Dorf, Horde, Stamm o.ä.) organisierten, werden nun zu unselbstständigen Bestandteilen einer umfassenden gesamtgesellschaftlichen Vernetzung und Integration.

Anthropologische Forschungen konnten zeigen, dass es die übergreifende ›Vernetzung‹ der lokalen Sozialverbände des frühen modernen Menschen in Europa war, die sein Überleben sicherte, während die schwach ›vernetzten‹ Neanderthaler-Gruppen schließlich ausstarben. Dabei bedeutet ›Vernetzung‹ nicht bloß ›Kontakt‹, sondern gruppenübergreifender gegenständlicher und kommunikativer Austausch bis hin zum Aufbau vereinheitlichter und damit optimierter jungsteinzeitlicher ›Werkzeugindustrien‹ in ganz Europa.

Die begrenzten kooperativen Bedeutungsstrukturen der überschaubaren Lebensverbände werden damit zu gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen synthetisiert und integriert:

»Die jeweiligen einzelnen Lebens- bzw. Produktionseinheiten werden … zunehmend ein unselbständiger Teil umfassender Lebens- und Produktionszusammenhänge, sind also nicht mehr für sich funktionsfähig und mithin in ihrer Bedeutung für die Existenz des Einzelnen nicht mehr aus sich heraus verständlich.« (230)

Der durch die Bedeutungstrukturen repräsentierte übergreifende objektive Handlungszusammenhang enthält die Notwendigkeiten der arbeitsteiligen Herstellung der Lebensbedingungen und sorgt für die Integration der Individen. Die Existenz der Individuen ist nunmehr gesamtgesellschaftlich vermittelt, denn

»… über die Erfassung, Umsetzung und Änderung der Bedeutungen [ist] jedes einzelne Individuum in seiner personalen Existenz auf den gesamtgesellschaftlichen Lebenszusammenhang bezogen« (234)

Aufgrund der biotischen Potenz zur Vergesellschaftung, der gesellschaftlichen Natur, sind die Individuen fähig, sich in die Gesellschaft hineinzuentwickeln, an ihr teilzuhaben und sie zu gestalten.

Zur Kennzeichnung der beiden Seiten des Vermittlungszusammenhangs von Gesellschaft und Individuum (vgl. dazu die methodischen Vorüberlegungen in Kap. 8.2 [1]) wird begrifflich zwischen Arbeit und Handlung unterschieden. Arbeit ist eine gesellschaftstheoretische Kategorie zur Erfassung des Aspekts der historisch spezifischen Art und Weise der Produktion und Reproduktion der Lebensbedingungen als objektivem Handlungszusammenhang. Handlung ist eine individualtheoretische Kategorie zur Erfassung des psychischen Aspekts der Erhaltung und Entwicklung der individuellen Existenz unter den gegebenen Bedingungen, also der individuellen Erfassung, Umsetzung und Änderung des objektiven Handlungszusammenhangs.

Die inhaltliche Kategorialanalyse des Mensch-Welt-Verhältnisses beginnt im nächsten Kapitel mit der Herausbildung der Schriftsprache als neuer Qualität der Kommunikation. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für die Durchsetzung der gesamtgesellschaftlichen Integration.


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