3.5 Orientierungsleitende Funktion der Emotionalität

Die unten stehende Abbildung 7 zeigt die Herausbildung der orientierungsleitenden Funktion der Emotionalität für die drei Formen der Orientierung in einer zusammenfassenden Übersicht. Die gerichteten Pfeile zwischen den drei Orientierungsformen sollen keine Entwicklungsreihenfolge (die etwa eine Art evolutionär durchlaufen müsse) andeuten, sondern allein das jeweils erreichte höhere Differenzierungsniveau von Orientierung und Ausführung gegenüber undifferenzierteren Formen zeigen. Anhand der Abbildung können wir den Stand der Darstellung noch einmal rekapitulieren.

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Abb. 7: Orientierungsleitende Funktion der Emotionalität (klicken zum Vergrößern).

Bei der Gradientenorientierung sind Orientierung und Ausführung noch zusammengeschlossen. Aufgrund der mangelnden Differenzierungsfähigkeit existieren Bedeutung, Bedarf und vermittelnde Emotionalität nur als Frühformen (»Keimformen«, vgl. Kapitel 1.3 [2]). Bei höher entwickelten Lebewesen, die neben differenzierten Orientierungsformen auch noch über die Gradientenorientierung verfügen, haben sich Bedeutung, Bedarf und Emotionalität gleichwohl evolutionär ausdifferenziert — bis hin zum Menschen, der ebenfalls noch über Formen der Gradientenorientierung verfügt (etwa den Geruchssinn). Dort können Bedeutungseinheiten unterschieden werden, was bei den einfachen Organismen, die die Gradientenorientierung als einzige Form der Orientierung ausgebildet haben, nicht der Fall ist.

Mit der Orientierungsform der Aussonderung/Identifizierung verselbstständigen sich die Orientierungs- gegenüber den Ausführungsaktivitäten. Sowohl Orientierungs- wie auch Ausführungsaktivitäten beziehen sich allerdings noch auf die gleiche Bedeutung:

»Ein Nahrungsmittel z.B. wird zunächst per Orientierungsaktivität ›ausgesondert‹ und dann per Ausführungsaktivität verzehrt« (111).

Die Emotionalität hat hier die Funktion, die Annäherungs- oder Abwendungsaktivitäten durch Bewertung von orientierter Bedeutung und gegenwärtigem organismischem Bedarf zu leiten.

Erst mit der Diskrimination/Gliederung ist eine differenzierende Orientierungsform erreicht, die unterschiedliche Bedeutungen und damit auch Bedarfe für Orientierung und Ausführung ermöglicht. Hier kommt die orientierungsleitende Funktion der Emotionalität zu ihrer vollen Geltung. Nun geht es nicht mehr nur darum, die Annäherung oder Abwendung an einen bedeutungsvollen Sachverhalt zu vermitteln, sondern unterschiedliche und u.U. in ihrer Einzelbewertung sogar gegensätzliche Bedeutungen zur einer einheitlichen Aktivitätsanleitung zusammenzufügen. Auch hier ist wieder hervorzuheben, dass Lebewesen bei unterschiedlichen Bedeutungen keine »bewusste Wahl« treffen, sondern ihr emotionaler Zustand gleichsam »automatisch« zu einer entsprechenden Aktivität führt.

Differenzierte Bedeutungen und entsprechende Bedarfe müssen auf Seiten des Organismus psychisch repräsentiert sein. Ein zentrales Nervensystem entsteht und entwickelt sich im Maße der zunehmend differenzierteren, emotional vermittelten Orientierung in der Umwelt. Die Vorstellung, Aktivitäten von Organismen werden quasi »unvermittelt« durch »Gewebedefizite« ausgelöst, entspricht demgegenüber dem vorpsychischen Entwicklungsniveau des Lebens. Tatsächlich ist die Aufgabe der emotional gesteuerten Orientierungs- und Ausführungsativitäten, »Gewebedefizite« wie etwa »Hunger« zu vermeiden, um durch entsprechende Vorsorgeaktivitäten die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen..


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[2] Kapitel 1.3: http://grundlegung.de/artikel/1-3-der-methodische-fuenfschritt/