7.5 Physiologischer und gesellschaftlicher Speicher

Mit der Entfaltung der Operationen als Unterebene der Handlungen (Kap. 7.4 [1]) kommt es auch zu einer entprechenden perzeptiv-operativen Strukturierung der Wahrnehmung. Ausgangspunkt der Entwicklung ist das individuelle operative Planen bei der Herstellung oder dem Gebrauch von Arbeitsmitteln. Die notwendigen Operationssequenzen erfordern eine entsprechende an den Mittelbedeutungen orientierte Gliederung des Wahrnehmungsfeldes. Die gegenständliche Wirklichkeit wird lernend wahrgenommen, um die in ihr liegenden »kooperativ-gesellschaftlichen Möglichkeiten zu Herstellungs- und Gebrauchsaktivitäten« (276) anzueignen. So verkörpert etwa die Axt als sinnlich-wahrnehmbares »Ding zum Schlagen« sowohl die realisierten Mittelbedeutungen in Bezug auf ihre Herstellung wie solche in Bezug auf ihre Benutzung (vgl. Hergestelltheits-Aspekt und Brauchbarkeits-Aspekt in  Kap. 6.1 [2]).

Die Entwicklung hin zur geplanten Operations-Regulation schließt eine Veränderung der orientierungsleitenden Funktion der Emotionalität (vgl. Kap. 3.5 [3]) ein. Die ambivalente Steuerung zwischen gerichteter Energiemobilisierung und Angstbereitschaft zur Verminderung der »Diskrepanz zwischen schon Gelerntem und Neuem« (143) beim autarken Lernen (vgl. Kap. 4.3 [4]) kann nunmehr nur in solchen Sonderfällen auftreten, wo das Individuum aufgrund der Isolation vom Kooperationszusammenhang auf das Niveau des bloßen Probierens/Beobachtens zurückgeworfen wird. Allgemein ist hingegen

»das ›Risiko‹ von Fehleinschätzungen des jeweils ›Neuen‹ nicht mehr lediglich von den einzelnen Individuen zu tragen, sondern vorab kooperativ-gesellschaftlich minimiert« (276)

Die neuen Formen der Wahrnehmung und Emotionalität im Prozess der Herausbildung der gesellschaftlichen Natur des Menschen verändern auch die neurophysiologische Funktionsgrundlage. Holzkamp zitiert Volker Schurig (Die Entstehung des Bewußtseins, 1976):

»Demnach bleibt ›der menschliche Kopf … aus dem ursprünglich geschlossenen System von Naturzuständen innerhalb des Verhältnisses Organismus-Umwelt das einzige biologische Organ, über dessen physiologische Funktion sich nun eine ständige Metamorphose von Vergegenständlichungen vollzieht‹ (317f, Hervorh. K.H.)« (277)

Die Vergegenständlichungen in einer »gesellschaftlich-ökonomischen ›Geräteumwelt‹« (ebd.) bilden einen gesellschaftlichen Speicher, der sich zusammen mit dem Gehirn, dem physiologischen Speicher, zu einer übergreifenden Funktionseinheit entwickelt, worin das Gehirn nur ein unselbstständiges Teilsystem ist:

»Die physiologische Speicherungsfähigkeit gewinnt … ihre spezifische strukturell-funktionale Charakteristik aus ihrer Wechselwirkung mit dem ›gesellschaftlichen Speicher‹ und ist nur in diesem Systemzusammenhang neurophysiologisch funktionsfähig« (277)

Das bedeutet, dass der physiologische Speicher als solcher getrennt von der übergreifenden physiologisch-gesellschaftlichen Speicher-Funktionseinheit nicht verständlich werden kann, weil die jeweiligen Referenzen der Bedeutungen gleichsam ins Leere gehen würden. Der praktische Begriff (vgl. Kap. 6.3 [5]) der »Axt-zum-Schlagen« setzt den kooperativen Zusammenhang voraus, für den eine Axt hergestellt wird und in dem sie ihre intendierte Brauchbarkeit erhält. Umgekehrt gilt für die sekundär automatisierte Verwendung einer Axt, dass

»die automatisierte ›Fertigkeit‹ des ›Mit-der-Axt-Schlagen-Könnens‹ nur als Aktualisierung der in einer produzierten Axt vergegenständlichten verallgemeinerten Brauchbarkeit in Aktivitäten umsetzbar [ist], dabei gehört es zu den hergestellten Zwecksetzungen solcher Gebrauchsgegenstände selbst, daß der Umgang mit ihnen möglichst schnell und reibungslos ›automatisierbar‹ sein muß.« (277)

Eine isolierte Betrachtung eines einzelnen Gehirns als physiologischem Speicher ist folglich ohne den gesellschaftlichem Speicher, mit dem es in einem funktionalem Zusammenhang steht, wissenschaftlich wenig fruchtbar. Um dies näher zu erläutern, ist es hilfreich, sich noch einmal den Begriff der Bedeutung zu vergegenwärtigen.

Bedeutungen sind nicht etwas von den Menschen getrenntes, sind nicht etwas, das entweder ganz auf der »Weltseite« liegt — etwa als stoffliche Eigenschaften der Dinge — oder ganz auf der Seite der Individuen — etwa als im individuellen Gehirn »konstruierte«, individuell zugeschriebene Relevanzen. Der Begriff der Bedeutung erfasst die Welt- und die Individuumsseite als Vermittlungszusammenhang zwischen beidem. Mit der Zweck-Mittel-Umkehrung werden die Bedeutungen nicht mehr bloß vorgefunden, sondern als Vergegenständlichung intendierter Zwecke als Gegenstandsbedeutungen hergestellt. Mit der Sprache kommen die Symbolbedeutungen hinzu. Gegenständliche und symbolische Bedeutungen verweisen aufeinander (A wird zum Herstellen von B verwendet, und B ergibt mit C zusammen D, das für E verwendet wird etc.). Sie bilden ein Verweisungsnetzwerk und werden schließlich mit dem Dominanzwechsel zu gesamtgesellschaftlichen Bedeutungsstrukturen synthetisiert (vgl. Kap. 9). Dieses Netzwerk ist der gesellschaftliche Speicher, es bildet zusammen mit dem physiologischen Speicher der Individuen eine übergreifende Funktionseinheit. Damit wird klar, dass weder eine einzelne »Bedeutung« noch ein einzelnes »Gehirn« bloß aufgrund der physischen oder physiologischen Beschaffenheit aus sich heraus verständlich ist:

»Wer das menschliche Gedächtnis nicht als Wechselwirkung zwischen individuellem und gesellschaftlichem Speicher …, sondern (wie in der traditionellen Psychologie üblich) lediglich als individuelle Leistung erforschen will (und den gesellschaftlichen Systemanteil des Speichers u.U. sogar noch durch Verwendung ›sinnloser Silben‹ o.ä. aus methodischen Gründen im Experiment real wegabstrahiert), der forscht einmal mehr total am Gegenstand vorbei« (339)


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[1] Kap. 7.4: http://grundlegung.de/artikel/7-4-operationen-handlungen-und-kooperation/

[2] Kap. 6.1: http://grundlegung.de/artikel/6-1-von-gelernten-orientierungs-zu-mittelbedeutungen/

[3] Kap. 3.5: http://grundlegung.de/artikel/3-5-orientierungsleitende-funktion-der-emotionalitaet/

[4] Kap. 4.3: http://grundlegung.de/artikel/4-3-autarkes-lernen-und-motivation/

[5] Kap. 6.3: http://grundlegung.de/artikel/6-3-entstehung-der-sprache-aus-praktischen-begriffen