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4.3 Autarkes Lernen und Motivation

Abb. 12: Dominanzwechsel der Lernfähigkeit, Schritt 4.2: Autarkes Lernen (Klicken für Übersicht über alle drei Analyseschritte)

Mit dem autarken Lernen (vgl. Abb. 12) wird aus der bloßen Variation einzelner Aktivitäten (vgl. Kapitel 4.1, Schritt 3: Funktionswechsel) die gelernte Veränderung von bisher festgelegten linearen Aktivitätssequenzen. Darin ist gleichzeitig eine neue Stufe des Orientierungslernens eingeschlossen. Es reicht nun nicht mehr aus (wie noch beim selektiven Differenzierungslernen), zusätzliche Bedeutungseinheiten zu erfassen, um die damit verknüpfte Aktivität umzusetzen. Die mit einer Aktivitätenabfolge verbundenen Bedeutungen müssen nun erkundend so gelernt werden, dass der reale Zusammenhang der Erkundungsschritte mit dem Ziel der Aktivitätenabfolge faktisch hergestellt werden kann.

Wenn die Verbindungen von Aktivitäten zu Aktivitätssequenzen gelernt werden, betrifft das auch die damit verbundenen bedeutungsvollen Signale. Das Tier stellt auf diese Weise einen zeitlichen Verweisungszusammenhang zwischen den aktuellen Orientierungsbedeutungen und -aktivitäten und den angestrebten zukünftigen Primärbedeutungen und -aktivitäten her. Das antizipatorische Lernen ist hier jedoch keineswegs mit einer »Einsicht« im menschlichen Sinne verbunden, sondern Antizipation ist hier als emotional gesteuerte faktische Vorwegnahme zu verstehen, in der der Bezug zwischen Gegenwärtigem und Zukünftigem »automatisch« hergestellt wird.

Holzkamp hebt die Qualität des Dominanzwechsels von der Festgelegtheit zur Lernfähigkeit so hervor:

»In diesem ›Signallernen‹ liegt in gewisser Hinsicht eine neue Stufe des ›Auf-den-Begriff-Kommens‹ des Psychischen selbst, indem die Signalvermitteltheit der Aktivität als zentrale Bestimmung des Psychischen hier nicht mehr nur objektiv in phylogenetisch festgelegten Bedeutungen sich quasi ›hinter dem Rücken‹ des Tieres durchsetzt, sondern … vom Tier selbst durch Lernen hergestellt werden muß …« (142)

Das Lernen von Signalzusammenhängen ist auf neuer Stufe wiederum objektiv funktional im Sinne der Erhaltung der Art in der evolutionären Entwicklung. Es bezieht sich nicht nur auf zeitliche, sondern auch auf sachliche Relationen. Sachliche und zeitliche Relationen können nicht nur gelernt werden, sondern müssen nun auch gelernt werden. Umweltgegebenheiten sind nicht mehr fixe Aktivitätsauslöser, sondern Aktivitätsanreger in dem Sinne, dass die »Diskrepanz zwischen schon Gelerntem und Neuem« (143) permanent dazu drängt, aufgehoben zu werden. Die emotionale Regulation schwankt jedoch zwischen Energiemobilisierung und Angstbereitschaft, da unklar ist, ob die Diskrepanz vermindert oder zur Gefahr werden kann. Als manifeste Angst wird jener Zustand bezeichnet, in dem das Tier akut aktivitätsunfähig ist und weder Erkundungsenergie mobilisieren noch sich zurückziehen kann.

Die emotionale Steuerungsgrundlage ist nun ein globaler Bedarf nach Umweltkontrolle, der mittels eines Neugier- und Explorationsverhaltens befriedigt werden kann. Auch »Kontrolle« darf hier nicht vermenschlichend missverstanden werden, sondern ist notwendiger und faktischer Effekt der Dominanz der Offenheit und damit der Unsicherheit gegenüber der Festgelegtheit beim autarken Lernen.

Gelernte Orientierungsbedeutungen, ihre emotionale Bewertung und die antizipatorische Verbindung zu entsprechenden Ausführungsbedeutungen werden im  Individualgedächtnis gespeichert. Mit jedem Lernschritt sinkt die Diskrepanz zwischen Bekanntem und Neuem und bietet die Grundlage für die nächsten Explorationsschritte. Damit bildet sich

»ein selbständiges ›internes Modell‹ von Außenweltbeziehungen … heraus…, das eine der Voraussetzungen für eine nicht an die Anwesenheit der ›kognizierten‹ Tatbestände gebundene, also ›denkende‹  Informationsverarbeitung darstellt« (150)

Die gelernte Wertungsantizipation wird als Motivation bezeichnet. Die Motivation spiegelt die Bewertung zukünftiger, vorausgeahnter (antizipierter) Situationen wider, die eintreten, wenn gegenwärtig bestimmte Aktivitäten ausgeführt werden. Der Zukunftsbezug der emotionalen Regulation des autarken Lernens sorgt dafür, dass tatsächlich Lernschritte unternommen werden, obwohl die gegenwärtige Situation nicht emotional bewertet werden kann, da sie noch »neu« ist. Das schließt ein, dass nun die Befriedigung primärer Bedarfsspannungen zurückgestellt werden kann, wenn die antizipierte Situation eine höhere Befriedigung verspricht.

Motivation ist auf tierischem Niveau der Automatismus, der dafür sorgt, dass Lernaktivitäten unternommen werden. Eine weitere Vorsetzung, dass es in einer Situation der Offenheit zum autarken Lernen kommt, ist die Absicherung durch Sozialverbände — was im nächsten Kapitel erklärt wird.

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