7.7 Drei Bedingungen der Motivation

Obwohl in den vergangenen Kapiteln immer schon von Gesellschaft, Handlung, Denken etc. die Rede war, ist in Erinnerung zu rufen, dass wir uns in der Darstellung noch vor dem Dominanzwechsel befinden, wir es also mit dem Prozess der Herausbildung der spezifisch menschlichen Formen zu tun haben, nicht schon mit den entfalteten Formen selbst. Der Herausbildungsprozess spiegelt die jeweils bewältigten Anforderungen an das Überleben der frühen Menschen (Hominini) wider. Entsprechend muss die Bedürfnisgrundlage so beschaffen sein, dass die Individuen zu den operativen, handelnden und kognitiven Leistungen fähig sind, ohne eine bewusste Einsicht in den Prozess zu haben. Die Einsicht kann nicht vorgesetzt werden, sondern ist erst Resultat des Prozesses, der zunächst allein emotional-motivational reguliert ist.

Die Emotionalität entstand als Vermittlungsinstanz zwischen Orientierung und Ausführung, die objektiv die Umweltbedingungen entsprechend des organismischen Zustands widerspiegelt (vgl. Kap. 3.4 [1]). Die Vermenschlichung der Emotionalität ändert nichts an diesem Vermittlungs-Charakter: Sie ist »ihrem Wesen nach zugleich objektiv und individuell« (298). Auf menschlichem Niveau vermittelt sie zwischen Wahrnehmung und Handlung.

Die Motivation wurde in Kap. 4.3 [2] als emotionale Regulation individueller Aktivitäten vorgestellt. Sie bewertet Aktivitäten in der Gegenwart in Bezug auf antizipierte Resultate in der Zukunft. Sie wirkt so als automatischer Aktivitätsanleiter auf einer Entwicklungsstufe, wo die Diskrepanz von Gegenwärtigem und Zukünftigen noch nicht denkend überbrückt werden kann.

Die soziale Motivation auf der Stufe der Sozialkoordination dehnt die Wertungsantizipation auf kollektive Aktivitäten aus (vgl. Kap. 5.1 [3]), und unter kooperativ-gesellschaftlichen Bedingungen ist der Bezugsrahmen der Motivation der objektive Handlungszusammenhang wie er durch die kooperativen Zielkonstellationen gegeben ist, in dem die individuelle Existenzsicherung als Fall der allgemeinen Vorsorge erkannt wird:

»›Motiviert‹ ist eine Aktivität … in dem Grade, wie als Resultat der Aktivität eine Erweiterung der eigenen vorsorgenden Daseinssicherung, damit eine höhere menschliche Qualität der Bedürfnisbefriedigung, antizipiert werden kann.« (299)

[4]

Abb. 22: Die drei Bedingungen der Motivation (Klicken zum Vergrößern).

Umgekehrt bedeutet das, dass die menschliche Besonderheit der Motivation nicht auf operativer Ebene individueller Antizipationen geklärt werden kann. Dies wird schon dadurch deutlich, dass auf operativer Ebene gar nicht klar ist, wozu ein Mittel eingesetzt wird. Der Sinnbezug der Operationen ist allein durch die Wirkung (vgl. Abb. 21 [5]) auf der übergordneten Handlungsebene gegeben. Die Operation selbst ist hingegen motivational mehrdeutig. So kann eine Axt für die vorsorgende Schaffung der Lebensbedingungen und damit Absicherung der individuellen Bedürfnisbefriedigung eingesetzt werden oder aber zur Unterdrückung und zum Ausschuss von der kooperativen Vorsorge.

Die Motiviertheit einer Aktivität ergibt sich somit allein darüber, wie die individuelle Existenz als Teil der allgemeinen Vorsorge im übergreifenden Handlungszusammenhang gesichert werden kann (was in Kap. 7.6 [6] in drei Teilzusammenhängen ausgeführt wurde). Die individuelle Motivation ist nun von drei Bedingungen abhängig (vgl. Abb. 22):

  1. Der Beitrag zur gesellschaftlichen Vorsorge und die eigene Existenzsicherung hängen tatsächlich zusammen,
  2. der Zusammenhang ist gesellschaftlich denkbar und
  3. der Zusammenhang wird vom Individuum gedacht.

Vor dem Dominanzwechsel bilden die drei Bedingungen noch weitgehend eine Einheit, die bei Vorhandensein auch unmittelbar zur motivierten Aktivität führen. Diese selbstevidente, quasi-automatische Realisierung wird mit dem Dominanzwechsel aufgebrochen und damit »problematisch«.

Wenn der positiven Bewertung der antizipierten zukünftigen Lebensqualität negativ bewertete Anstrengungen und Risiken auf dem Weg dahin entgegenstehen, kommt es zu einem Motivationswiderspruch:

»Nur soweit sich bei der kognitiv-emotionalen Verarbeitung dieser widersprüchlichen Bestimmungsmomente im Ganzen eine positive Wertigkeit der antizipierten Aktivität ergibt, die die Wertigkeit der gegenwärtigen Situation übersteigt, kann die Aktivität tatsächlich ›motiviert‹ vollzogen werden.« (300)

Die Thematik des Motivationswiderspruchs unter historisch besonderen gesellschaftlichen Bedingungen wird in den Kapitel 10 und 12 erneut aufgegriffen.


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[1] Kap. 3.4: http://grundlegung.de/artikel/3-4-bedarf-und-emotionalitaet/

[2] Kap. 4.3: http://grundlegung.de/artikel/4-3-autarkes-lernen-und-motivation/

[3] Kap. 5.1: http://grundlegung.de/artikel/5-1-sach-und-sozialintentionalitaet/

[4] Bild: http://grundlegung.de/data/drei-bedingungen-der-motivation-gross.gif

[5] Abb. 21: http://grundlegung.de/data/aktivitaet-ursache-wirkung-gross.gif

[6] Kap. 7.6: http://grundlegung.de/artikel/7-6-denken-von-handlungszusammenhaengen/