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3.3 Bedeutung und Bedarf

Eine fundamentale Leistung der Kritischen Psychologie ist die Entwicklung eines konsistenten Bedeutungskonzeptes aus der Rekonstruktion der Entwicklung des Psychischen. Ansatzpunkt ist die Bestimmung des Psychischen als signalvermittelte Lebenstätigkeit. Dabei werden — kurze Rekapitulation — stoffwechselneutrale Umwelttatbestände als Signale genutzt, um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Dies gelingt, weil der Organismus zum Umweltsachverhalt immer mehr auf »Distanz« gehen und hinführendende, vermittelnde Sachverhalte in der Orientierung auswerten kann. Mit anderen Worten: Die stoffwechselneutralen Umwelttatbestände, die als vermittelnde Signale nutzbar sind, haben für den Organismus eine Bedeutung.

Schon auf dieser frühen Stufe wird damit klar, dass die »Bedeutung« weder ein Sachverhalt sein kann, der sich nur »auf der Seite des Organismus« abspielt, noch als vom Organismus getrenntes »Ding in der Umwelt« liegt. Dem Umweltding sieht man nicht an, für welchen Organismus es eine Bedeutung hat, denn die Bedeutung ist artspezifisch. Das gleiche Umweltding kann folglich — je nach Art — unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Bedeutung ist also stets als Vermittlungsverhältnis zwischen Organismus und Umwelt (-Ding) zu verstehen. Anschaulich formuliert liegt die Bedeutung immer »zwischen« Organismus und Umwelt.

Aus diesem Grund ist die Analyseeinheit auch nie der isolierte Organismus oder die von ihm abgetrennte Umwelt »als solcher«, sondern der in der Umwelt sich orientierende, aktive Organismus — oder in einem Wort: die Orientierungs-Aktivitäts-Koordination.

Entsprechend der Unterscheidung von Orientierungs- und Ausführungsaktivitäten im letzten Abschnitt lassen sich diesen nun Orientierungs- und Ausführungsbedeutungen zuordnen. Nur wenn die Bedeutungen im Vermittlungsverhältnis von Organismus und Umfeld vorhanden sind, wird die entsprechende Aktivität auch ausgeführt — dann jedoch gleichsam »automatisch«. In der Sprache der GdP: Die Bedeutung wird aktualisiert.

Umgekehrt bedeutet das, dass eine Bedeutung, die nicht aktualisiert wird, für den Organismus auch nicht existiert. Wenn wir von einem Forscher_innen-Standpunkt über Bedeutungen von Organismen reden, sind eigentlich nur »potenzielle Bedeutungen« gemeint. Für den Organismus existieren sie nur während der Aktivitätsumsetzung. Die Bedeutungen werden daher auch Aktivitätsrelevanz bezeichnet.

Abb. 6: Zusammenhang von Bedeutung (1), Bedarf (2), Emotion (3) und Aktivität (4). Zum Vergrößern klicken.

Neben der Seite der Umwelt ist im Organismus-Umwelt-Verhältnis auch die Seite des Organismus zu berücksichtigen. Die automatische Bedeutungsaktualisierung, also die Aktivität, findet nämlich nicht nur statt, wenn die entsprechenden Umweltbedingungen vorliegen, sondern ebenso erst, wenn die entsprechenden Organismus-Bedingungen gegeben sind. Der Organismus muss also »bereit« sein, die entsprechende Bedeutung zu aktualisieren und die Aktivität auszuführen. Diese »innere Bereitschaft« ist nun wiederum keine wahlfreie Angelegenheit, sondern ist dem Organismus ebenso objektiv gegeben wie die Umweltbedingungen: Ist der Zustand des Organismus in Bezug auf die Bedeutung in »Bereitschaft«, kommt es auch zur Aktivität. Der innere Zustand als Maßstab der Aktivitätsbereitschaft wird Bedarf genannt.

Doch auch hier ist noch nicht Schluss mit den Vermittlungsschritten im Organismus-Umwelt-Verhältnis. Sowohl »innerer« Organismus- wie »äußerer« orientierter Umweltzustand müssen noch miteinander »verrechnet« und dann »bewertet« werden. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn Bedarf und Bedeutung nicht eindeutig und, noch wichtiger, wenn mehrfache und unter Umständen sogar widersprüchliche Bedeutungseinheiten für den Organismus in der Umwelt präsent sind. Diese Bewertungsinstanz ist die Emotionalität. Sie ist Thema des nächsten Abschnitts.

Zusammengefasst ergibt sich die nebenstehende Skizze (Abb. 6) eines logisch zusammengehörigen Orientierungs-Aktivitäts-Komplexes aus Bedeutung, Bedarf, Emotion und Aktivität: Ein Umweltding ist dann für einen Organismus bedeutsam (1), wenn ein entsprechender Bedarf (2) vorhanden ist, und die kognitiv (in der Orientierung) erfasste Bedeutung am Maßstab des Bedarfs emotional positiv bewertet wird (3), so dass es zur Aktivität (4) kommt und somit Bedeutung und Bedarf aktualisiert werden.

Ganz schön komplex, so ein einfacher Organismus! Damit wird auch offensichtlich, wie radikal unterbelichtet Verhaltenstheorien nach einem Reiz-Reaktionsschema sind — selbst in Bezug auf das hier diskutiert sehr einfache tierische Niveau. Die einem kurzgeschlossenen Reiz-Reaktionsschema nahe kommenden Verhaltensweisen entsprechen eher dem Sonderfall von Reflexen, bei denen zwischen Bedeutung und Aktivität keine emotionale Wertung »dazwischen geschaltet« ist.

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