Vorher lesen:

Artikel drucken

6.3 Entstehung der Sprache aus praktischen Begriffen

Ausgangspunkt der Sprachentstehung sind die kommunikativen Beziehungen im tierischen Sozialverband (vgl. Kap. 3.6). Gestische, akustische oder andere Signale werden genutzt, um zwischen den Artgenossen soziale Informationen zu übermitteln, die ihre Aktivitäten unterstützen. Nach den tiefgreifenden Umweltveränderungen und der Verdrängung ehemals waldbewohnender Primaten in die offene Savanne sind die Bedingungen für die Herausbildung der Sprache ungünstig. Die weitläufigen Bedingungen der Savanne erfordern eher eine rohe Distanzkommunikation (durch Warnlaute etc.), während Sprache ein typisches Mittel der differenzierten Nahkommunikation ist.

Warum ist Sprache dennoch entstanden und welche Selektionsvorteile bot sie?

Die Erklärung liegt — so die in der GdP entwickelte These — in den neuen Kommunikationsanforderungen innerhalb der entstehenden Art und Weise der vorsorgenden Schaffung der Lebensbedingungen in der Sozialkooperation. Die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen erfordert eine Kommunikation im Nahbereich, um die intendierten kooperativen Aktivitäten zweckgemäß koordinieren zu können.

Da der optische Kanal durch die notwendige permanente Sichtkontrolle bei der Nutzung oder Herstellung von Arbeitsmitteln besetzt ist, bietet sich der akustische Kanal an, um die kooperativen Aktivitäten zu steuern. Viele Hominini-Arten sind dennoch trotz ihrer Fähigkeit zur sozialen Werkzeugherstellung ausgestorben. Folglich muss ein hoher Selektionsdruck bestanden haben, der auch geringe Selektionsvorteile in der zwischenartlichen Konkurrenz zur Geltung brachte. Dies könnte bei der immer stärkeren Differenzierung der akustischen Kommunikation der Fall gewesen sein.

Wie entstanden nun die symbolischen Bedeutungen, die schließlich sprachlich-lautlich kommuniziert wurden?

Im Prozess der Herstellung von Arbeitsmitteln werden verallgemeinerte Brauchbarkeiten vergegenständlicht. Dies schließt ein, dass wesentliche von unwesentlichen und notwendige von zufälligen Merkmalen unterschieden werden:

»Bei der Herstellung/dem Gebrauch einer Axt z.B. ist die Schärfe der Schneide das wesentliche Moment, das Gewicht der Axt tritt demgegenüber zurück, ist aber immer noch wesentlich, weil davon die Handhabbarkeit abhängt, die Färbung des Stiels hingegen ist unter dem Aspekt ihrer speziellen intendierten Brauchbarkeit ein unwesentliches und zufälliges Merkmal der Axt… Bei … etwa einer Höhlenzeichnung mag z.B. gerade die Färbung des Büffels zu seiner ›Bannung‹ und Beherrschung das wesentliche Merkmal sein…« (226)

Im Arbeitsprozess müssen die verallgemeinerten Gebrauchszwecke antizipiert werden. Sie sind der Maßstab für die Herstellaktivitäten, in denen realabstraktiv, also praktisch, die wesentlichen und unwesentlichen Bedeutungen unterschieden werden. Vor der Vergegenständlichung sind diese praktischen Unterscheidungen also bereits ideell in symbolischer Weise als praktische Begriffe vorhanden. Praktische Begriffe sind symbolische Repräsentanzen der im Herstellprozess auftretenden Notwendigkeiten.

Ein entsprechendes Verhältnis gibt es auch auf der Seite des Mittelgebrauchs. Die kooperativen Arbeitsschritte erfordern die kommunikative Verständigung sowohl über die intendierten Zwecke wie über den richtigen Einsatz der Arbeitsmittel:

»…man kann sich nur dann darüber verständigen, daß das Dach an der und der Stelle ›undicht‹ ist, und seine gemeinsamen Aktivitäten zum Dichtmachen des Daches kommunikativ vorbereiten und koordinieren, wenn man einen ›Begriff‹ vom ›Dichtsein‹ eines Daches als wesentlicher Bestimmung seines verallgemeinerten Gebrauchszwecks hat…« (227)

Mit der lautlichen Kommunikation entsteht eine neue symbolisch-begriffliche Informationsebene, die Sprache. Im Unterschied zum früheren unmittelbar-sozialen Informationsaustausch der Aktivitäten im tierischen Sozialverband (s.o.), ist die Repräsentanz der Mittelbedeutungen in der Sprache nicht an den sich tatsächlich vollziehenden (Arbeits-) Prozess gebunden. Die Gegenstandsbedeutungen sind auch unabhängig von den jeweiligen Aktivitäten und in Abwesenheit der entsprechenden Sachverhalte kommunizierbar.

Die Verselbstständigung und Erweiterung der symbolischen Informationsübermittlung zu tradierten Sprach- und Denkformen entspricht den Kommunikationsanforderungen im kooperativen Lebensprozess und ist Voraussetzung für die schließlich erreichte Dominanz der gesellschaftlichen Form der Herstellung der Lebensbedingungen.

Obwohl stets zusammen auftretend, sind die Symbolbedeutungen und die Sprachzeichen (die Laute), die die Symbole tragen, analytisch zu unterscheiden. Die begrifflich-symbolische Seite der Sprache bezieht sich auf die Bedeutungen der in verallgemeinerter Vorsorge kooperativ produzierten Lebenswelt. Die Sprachzeichen sind das Mittel, mit dem die sprachliche Beziehung zwischen den Menschen hergestellt wird, die Inhalte also tatsächlich kommuniziert werden. Die relative Selbstständigkeit (und damit Austauschbarkeit) der Sprachzeichen gegenüber den Begriffen ermöglicht die Entstehung eigener Symbolwelten und gesellschaftlicher Sprach- und Denkformen nach dem Dominanzwechsel. In Kapitel 9 wird dieser Aspekt erneut aufgegriffen.

Weiter geht's:

4 Kommentare

  • […] Abstrahieren: Absehen von Unwesentlichem in den jeweils herzustellenden Kausal-Beziehungen (zur Realabstraktion vgl. Kap. 6.3) […]

  • Marcel sagt:

    wir haben uns bei der Lektüre des GdP-Abschnitten zur Entstehung der Sprache (bes. S.228-232) gefragt, was der Unterschied zwischen Begriff und Bedeutung (in Holzkamps Sinne) ist. Uns fällt er schwer diese auseinanderzuhalten. Eingängig ist, dass beide durch Zeichen repräsentiert bzw. transportiert werden. „Zeichen“/Sprachlaute gelten als symbolische Repräsentanz von Bedeutungen (vgl. S. 229). Später schreibt er (vgl. S.231), dass „Zeichen nur über den Begriff ihren Realitätsgehalt gewinnen (…). [und dass] Begriffe (…) in letzter Instanz über die Bedeutung, die sie repräsentieren, symbolische Fassungen der von Menschen geschaffenen gegenständlich sozialen Verhältnisse“ sind.

  • StefanMz sagt:

    Da gibt es nicht viel auseinanderzuhalten: Ein Begriff ist eine Bedeutung, enger gefasst: eine Symbolbedeutung. Vgl. im Unterschied dazu: Gegenstandsbedeutung.

    Umgangssprachlich kann man sicherlich auch sagen »Ein Begriff hat eine Bedeutung«, aber das legt den Irrtum nahe, der Begriff könne auch eine andere Bedeutung haben, sei also bloß eine Konvention. Das ist nicht so, denn »Begriff« (Bedeutung) ist nicht das gleiche wie »Wort« (Sprachzeichen).

    Holzkamp ist grundsätzlich nicht der Auffassung, die Zeichen/Sprachlaute als solche repräsentieren die Bedeutung, sondern sie sind nur die »sinnliche Hülle eines Begriffes« (232). Zeichen/Sprachlaute sind austauschbar, Begriffe/Bedeutungen nicht, weil sie in den gegenständlichen-sozialen Verhältnissen verankert sind.

    Allerdings nimmt Holzkamp die klare Trennung von Sprachzeichen und Symbolen (=Bedeutungen) wieder teilweise zurück, in dem er von einer »relative(n) Verselbständigung der Sprachzeichen gegenüber den ›Begriffen‹« spricht, die »die Voraussetzung für die Entstehung eigener Symbolwelten« (229) sei. Aus meiner Sicht ist die entscheidende Voraussetzung für das Entstehen eigener Symbolwelten etc. die Entstehung von Symbolbedeutungen aus den »praktischen Begriffen« überhaupt, d.h. das Ablösen nichtgegenständlicher Symbole/Begriffe von den Gegenstandsbedeutungen. Die Sprachzeichen sind demgegenüber sekundär, sie müssen sich auch nicht erst relativ verselbstständigen, da sie — als nur sinnliche Hülle — ohnehin selbstständig sind.

    Auch die Formulierung, dass »Zeichen … über den Begriff ihren Realitätsgehalt« gewinnen, finde ich ungenau, da die Zeichen als »sinnliche Hülle« selbst gar keinen anderen Realitätsgehalt gewinnen können als eben den, sinnlich Hülle zu sein. Ich weiss, dass gemeint ist, dass wir anhand eines Sprachzeichens (Wort) erkennen können, was gemeint (Bedeutung) ist, aber das liegt nicht spezifisch an den Sprachzeichen (gegeben, wir erkennen sie), sondern daran, dass wir die Bedeutung »verstehen«, weil wir in dieser Welt leben und wir mit der Bedeutung praktisch umgehen. Holzkamp bringt selbst das Beispiel der Übersetzung, das diesen Zusammenhang illustriert: Die Sprachzeichen sind austauschbar, die Bedeutung ist in der Welt verankert und damit (historisch relativ) stabil.

  • […] gesamtgesellschaftlichen Integration. Die Sprache war noch vor dem Dominanzwechsel entstanden (vgl. Kap. 6.3), womit ein Medium symbolisch-begrifflicher Repräsentanz gegenständlicher Bedeutungen zur […]

Kommentar